Textile Tauschgeschäfte

Ein Geben und Nehmen, bei dem bestimmt jede/r mit einem neuen Lieblingsstück nach Hause geht | Foto: Textiltausch
Ein Geben und Nehmen, bei dem bestimmt jede/r mit einem neuen Lieblingsstück nach Hause geht | Foto: Textiltausch

Am Samstag, 13. Juni, ist im Jugendkulturzentrum FORUM volles Programm geboten. Zweimal pro Jahr wird in Neckarstadt-Ost eine Kleidertauschparty veranstaltet, doch zum ersten Mal gibt es am Samstag dazu Live-Musik  und leckeres Essen, denn zeitgleich findet dort das Handmade-Fest statt.

Ab 15 Uhr werden im Café  also Textilien getauscht und in der Arena sind handgemachte Unikate käuflich zu erwerben. Um 19 Uhr beginnt das musikalische Programm mit dem Mannheimer Singer-Songwriter T.L. Mazumdar und der Mannheimer Band Kroethe.

Für die eiligen Leser: Maximal 7 gut erhaltene Kleidungsstücke mitbringen, dafür bekommt ihr Credits und könnt euch damit neue Lieblingsstücke „kaufen“.

Das Kleingedruckte (Link geht zur Veranstaltungsseite bei Facebook) sollte dennoch jede/r Teilnehmer/in unbedingt gelesen haben.

Grafik: Textiltausch
Grafik: Textiltausch

Wir haben den Veranstalter/innen des Textiltauschs im Vorfeld einige Fragen gestellt. Lene hat stellvertretend für die 15 Ehrenamtlichen geantwortet.

Wer seid ihr? Und woher kommt ihr?

Wir sind die Mädels vom Nähabend des FORUMs, die sich auch gerne mal die Upcycling-MA:fia nennen. Unterstützt werden wir von ganz netten Menschen, die den Textiltausch toll finden und einfach helfen möchten. Wir mussten nie wirklich um Helfer bitten, bisher hat uns jeder von sich aus gefunden. Auch wir selbst sind so zum FORUM gekommen. Ursprünglich kommen wir aus allen Teilen der Welt – Amerika, Türkei, Spanien, Baden. Mittlerweile aber sind wir „waschechte Mannheimer“ und zwei Heidelbergerinnen. Was uns verbindet, ist die Liebe zu Mode und der Wunsch, Werte zu erhalten und zu kreieren – indem wir bei den Nähabenden Kleidung aufpeppen, ausbessern, für’s Maifeld Derby aus alten Bannern neue Taschen nähen und eben beim Textiltausch ungeliebten, aussortieren Klamotten ein neues Zuhause geben.

Wie seid ihr auf die Idee zum Kleidertausch gekommen?

Die Idee zu Kleidertauschen ist allgemein ziemlich simpel. Wir alle ziehen gerne Kleidung an. Wir alle haben davon zu viel im Kleiderschrank. Die Produktion von Kleidung verbraucht Ressourcen und kostet natürlich Geld. Da ist es naheliegend, dass man die Kleidung, die man eh nicht mehr trägt, hergibt und sich dafür etwas nimmt, das zumindest für einen selbst neu ist, aber keine neue Ressourcen verbraucht. Win-Win.

Dieser Textiltausch im Speziellen beruht auf der Abschlussarbeit der Kommunikationsdesignerin Laura Braun. Darin hat sie untersucht, welche verschiedene Konzepte es für Kleidertausche gibt, denn Kleidertausch ist nicht gleich Kleidertausch. Muss man direkt tauschen? Werden Punkte als „Zahlungsmittel“ eingesetzt? Kann man seine Kleidung wieder mit nach Hause nehmen, wenn sie keinen Interessenten findet? Wenn nicht, was passiert mit der Kleidung? Laura hat die Vor-und Nachteile betrachtet und das Konzept inklusive aller Design-Elemente entwickelt, das wir jetzt nutzen.

Was war das erste öffentliche Lebenszeichen des Kleidertauschs?

Laura fand in der Piratenpartei und im Odeon Unterstützer ihrer Idee, so dass ihre Abschlussarbeit nicht nur ein theoretisches Werk bleiben musste, sondern in der Wirklichkeit bestehen konnte. Das war bereits 2011. Damals ist auch die Facebook-Gruppe „Textiltausch Mannheim“ entstanden, die sich jede/r Interessierte anschauen sollte.

Mit der Zeit ist der Textiltausch ins FORUM umgezogen und wird nun von uns mithilfe der Mitarbeiter dort organisiert.

Auch Männer brauchen etwas zum Anziehen | Foto: Textiltausch
Auch Männer brauchen etwas zum Anziehen | Foto: Textiltausch

Wie wird der Kleidertausch angenommen? Wie viel Leute kommen? Was sind das für Menschen?

Beim Textiltausch ist Full House. Die genaue Anzahl können wir schlecht abschätzen, da die Tauschbegeisterten im Schnitt sehr lange bleiben. Viele stöbern, essen noch etwas, stöbern wieder und haben dabei immer ein Auge darauf, was an neuen Sachen hereinkommt.
Das sind durchweg sehr nette Menschen. Größtenteils Frauen und meist zwischen 16 und Mitte 30. Das war ein bisschen zu erwarten. Umso mehr hat es uns zu Anfang überrascht, dass andere Altersklassen auch vertreten sind – wenn auch weniger stark – und auch einige Männer kamen.

Dieses Mal wollen wir genauer wissen, wer kommt und wie viele das sind. Wir werden dafür jedem einen Feedback-Bogen geben und sind schon auf die Ergebnisse gespannt.

Wie funktioniert der Kleidertausch grob erklärt?

Man bringt bis zu 7 Kleidungsstücke mit. Wenn diese in einem guten Zustand sind, nehmen wir sie an und bewerten sie je nach Qualität und Design mit jeweils maximal 5 Kreditpunkten. Man kann also maximal 35 Kreditpunkte bekommen. Die Gesamtzahl für alle abgegebenen Klamotten pro Person wird auf eine – von Laura wundervoll designten – Kreditkarte eingetragen. Dann stöbert man durch die Klamotten, die aushängen. Diese sind mit der Punktzahl markiert, auf die die sie von uns geschätzt wurden. Wenn man fündig wird, „zahlt“ man mit der Kreditkarte.

Außerdem kann man dieses Mal draußen im Hof des FORUMs Live-Musik erleben, gutes Essen genießen und sich beim Handmade-Fest mit etwas Selbstgemachtem beglücken (Anm. d. Red.: siehe oben).

Gehen die Leute mit mehr oder weniger als sie mitgebracht haben?

In der Vergangenheit haben wir keine Maximalanzahl an Kleidungsstücken durchgesetzt. Da kamen tatsächlich Leute mit IKEA-Tüten voller Kleidung. Damals war es meistens so, dass die meisten mehr brachten, als sie mitnahmen. Aber viele gingen auch wieder mit IKEA-Tüten voller gefundener Schätze. Wir wissen nicht, wie es diesmal sein wird, da wir zum ersten Mal pro Person nicht mehr als 7 Kleidungsstücke annehmen. Damals wie heute, da sind wir uns sicher, wird es aber weiterhin so sein, dass man immer jemanden findet (und wenn wir das selbst sind), die einem einen Punkt oder zwei schenken, wenn die eigene Kreditkarte nicht ganz ausreicht. Übrige Punkte gelten übrigens bis zum nächsten Mal.

Eine deutlich entspanntere Atmosphäre als beim Sommerschlussverkauf herrscht beim Kleidertausch im FORUM | Foto: Kleidertausch
Eine deutlich entspanntere Atmosphäre als beim Sommerschlussverkauf herrscht beim Kleidertausch im FORUM | Foto: Kleidertausch

Was passiert mit den übergebliebenen Sachen?

Wir sortieren alle Klamotten. Maximal ein Viertel davon lagern wir ein, damit die Ersten beim nächsten Mal schon etwas zum Tauschen vorfinden. Der Rest wird karitativen Zwecken gespendet. Bisher haben wir an die Caritas, den Integrationsbetrieb Markthaus, die Frauenhäuser in Mannheim und Ludwigshafen und ans Flüchtlingswohnheim gespendet. Mittlerweile wissen wir, wer was eher braucht und werden daher selektiv vorgehen. Wir sind aber für jeden Vorschlag offen. Also immer her damit!

Aus dem Kleidertausch ist ja „Hilfe für Flüchtlinge in Mannheim“ entstanden – was könnt ihr dazu kurz berichten?

Tja, das fing alles mit etwas Blauäugigkeit an. Eine von uns hatte mitbekommen, dass das Flüchtlingswohnheim in der Industriestraße dringend Kleiderspenden benötigte. Also beschlossen wir, dass wir diesmal die übrige Kleidung direkt dorthin spenden würden. Als wir mit einer Wagenladung von größtenteils Frauenkleidung dort auftauchten, mussten wir jedoch lernen, dass von den 750 Bewohnern nur ca. 50 Frauen sind. So kam es, dass wir dachten: „Dann besorgen wir euch eben Männerkleidung“. Wir gründeten die Facebook-Seite „Hilfe für Flüchtlinge in Mannheim“, vereinbarten mit dem Leiter des FORUMs, dass die Spenden dort abgegeben werden konnten, und starteten so unsere Kleidersammelaktion. Deren Auswirkung und Reichweite war überwältigend, so dass wir noch eine zweite daran hingen.

Mittlerweile agieren wir mehr als Plattform für verschiedene Projekte, die Flüchtlingen in Mannheim helfen. Hier gibt es so viele tolle Organisationen und Ehrenamtliche, deren Arbeit wir hoffentlich mehr Aufmerksamkeit und Unterstützer zuspielen können. Uns erreichen auch fast täglich Anfragen von Menschen, die helfen wollen. Manche haben spezifische Ideen, wollen zum Beispiel bei Behördengängen helfen. Andere möchten allgemein wissen, wo Helfer benötigt werden. Wir machen das zu zweit nebenher, daher kann es sein, dass wir nicht sofort antworten, aber wir geben uns alle Mühe, jeder Anfrage nachzukommen. Momentan sind wir dabei eine Art Karte für Mannheim zu erstellen, die alle Organisationen und Bereiche auflistet, in denen man für Flüchtlinge aktiv werden kann. Wer hierzu Vorschläge hat, kann uns gerne schreiben!


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