Nachbarschaft

Lebensrealitäten und YouTube-Träume

Wir haben mit Annette Dorothea Weber vom Community Art Center Mannheim über die neue Neckarstädter Webserie „#stress“ gesprochen.

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Lia ist genervt. Vor kurzem ist sie mit ihren beiden Müttern und Bruder Mario in die Neckarstadt-West gezogen. Jetzt dokumentiert die jugendliche Videobloggerin, wie sich die Mütter an der „Authentizität“ des Stadtteils erfreuen und Pläne schmieden, den weniger privilegierten Nachbarn zu helfen. Ihren Frust teilt sie über YouTube mit der ganzen Welt und per SMS mit Kumpel Alex. Doch der hat ganz eigene Probleme. Gemeinsam mit seinen Schwestern und Mutter Margot lebt er ebenfalls in der Neckarstadt-West und bloggt aus dem familiären Wohnzimmer. Die Haushaltskasse ist ständig leer, obwohl Margot vier Jobs hat. Ihre wenige Freizeit verbringt sie mit philosophischer Lektüre oder Lover Pjötr, der dauernd in der Wohnung herumhängt, und dann steht auch noch das Jugendamt vor der Tür. All das sendet Alex teils absichtlich, teils versehentlich über YouTube an die ganze Welt. Er und Lia träumen davon, zu sein wie das Influencer-Paar Sibel und Chris. Doch dann entdecken die beiden, dass das YouTuber-Paar direkt um die Ecke wohnt und deren Leben hinter der Kamera gar nicht so glamourös ist wie die Bilder im Internet.

Alex vloggt aus dem familiären Wohnzimmer | Screenshot: CACM
Alex vloggt aus dem familiären Wohnzimmer | Screenshot: CACM

Diese Szenen und Figuren entspringen der Feder von Annette Dorothea Weber, künstlerische Leiterin des Community Art Centers Mannheim und erscheinen in der Webserie „#stress“ wöchentlich auf YouTube. (wir berichteten…)  Die Webserie ist eine Eigenproduktion des Community Art Center Mannheim und entstand in Kooperation mit vielen Künstler*innen aus der Region. Inzwischen sind alle acht Folgen verfügbar, die finale Episode erschien letzten Donnerstag. Wir haben mit Annette Dorothea Weber über Entstehung und Umsetzung des ehrgeizigen Projekts gesprochen.

Arbeit und Leben 4.0

Die "#stress"-Playlist bei YouTube | Screenshot: YoutTube
Die „#stress“-Playlist bei YouTube | Screenshot: YoutTube

Als Eigenproduktion des Community Art Centers steht die Serie im Rahmen des aktuellen Jahresthemas „Arbeit und Leben 4.0“. Dieses Thema ergab sich aus einer früheren Arbeit des Community Art Centers zu Rechtsextremismus und Populismus. In Gesprächen mit den Neckarstädter Bürger*innen kam dabei immer wieder zur Sprache, dass die politischen Entwicklungen der letzten Jahren im Zusammenhang mit veränderten Arbeitsbedingungen betrachtet werden müssen. Und „das Thema Arbeiten“, so Annette Dorothea Weber, „steht immer stärker im Kontext mit dem Thema Wohnen. In urbanen, dicht besiedelten Gebieten sind prekäre Arbeitsverhältnisse noch härter, weil die Mieten wesentlich höher sind.“

„Das Thema Arbeiten steht immer stärker im Kontext mit dem Thema Wohnen. In urbanen, dicht besiedelten Gebieten sind prekäre Arbeitsverhältnisse noch härter, weil die Mieten wesentlich höher sind.“ 

Wie verändert sich die Arbeit im 21. Jahrhundert? Was bedeutet es, wenn gesetzlich geschützte Festanstellungen prekären Zeitarbeitsverträgen weichen? Wenn durch die Digitalisierung vollkommen neue Beschäftigungsfelder entstehen? Und wenn gleichzeitig das Wohnen teurer wird weil Wohnraum zum Spekulationsobjekt geworden ist? Diesen Fragen will das Community Art Center in „#stress“ nachgehen. Die Webserie soll das Thema für ein jüngeres Publikum zugänglich machen. Gleichzeitig soll das Format auch deutlich machen, dass die behandelten Themen durchaus über die Neckarstadt-West hinaus Relevanz haben. Gentrifizierung, Globalisierung, Digitalisierung betreffen urbane Ballungszentren weltweit.

Alex und seine Familie, Lia und ihre Mütter, Chris und Sibel, das YouTuber-Paar verkörpern jeweils unterschiedliche Lebensrealitäten, die zwar Tür an Tür stattfinden, aber ganz unterschiedlich von diesen Entwicklungen betroffen sind. Alex‘ Mutter Margot repräsentiert die sogenannten „working poor, der deutsche Fachbegriff lautet „Erwerbsarme“. Darunter versteht man Personen, die trotz Erwerbstätigkeit in einem Haushalt unterhalb der Armutsgrenze leben. Lias Familie, mit den beiden lesbischen Müttern, steht für die aufsteigende Mittelschicht: Akademiker*innen, die gut bezahlt werden, nach Selbstentfaltung streben und dabei möglichst noch durch wohlmeinendes Engagement den Stadtteil für die schlechter gestellten Nachbar*innen verschönern wollen. Alex und Sibel repräsentieren einen neuen Typ von Arbeitnehmer*innen, welche die digitale Gesellschaft parallel zum unsichtbaren Dienstleistungsprekariat hervorbringt – die auf Sichtbarkeit und Aufmerksamkeit ausgerichteten Influencer*innen, die ihre perfekten Leben auf YouTube vorführen, ihren Follower*innen Tipps und Tricks zur Bewältigung von Alltagsproblemen geben und nebenbei Lifestyle-Produkte bewerben. Diese drei Lebenssphären existieren vermeintlich ohne Berührungspunkte nebeneinander, zunächst nur dadurch verbunden, dass sie alle auf YouTube dokumentiert werden. Im Verlauf der Serie werden immer mehr Verflechtungen zwischen den Figuren aufgedeckt und von der Spekulation mit dem Wohnraum sind am Ende alle betroffen.

Klischees aufdecken und aufbrechen

Neben der Erkundung veränderter Lebens- und Arbeitsbedingungen verfolgen die Macher*innen der Serie noch ein weiteres Ziel: Die Serie soll insbesondere jüngere Zuschauer*innen dazu anregen, den eigenen Umgang mit YouTube und ähnlichen Ḿedien kritisch zu hinterfragen.

Für viele Jugendliche sind soziale Medien ein realer und wichtiger Anteil der Lebenswelt, werden zum Maßstab für das eigene Leben und zur Projektionsfläche für Zukunftsträume. Influencer*innen nähmen Vorbildfunktionen ein, die früher Film- oder Popstars zukamen, so Annette Dorothea Weber. Dabei sei den Jugendlichen der Grad an Inszenierung und professioneller Kommerzialisierung von scheinbar authentischen Einblicken in das Leben der Vorbilder oft nicht bewusst. Die Serie kontrastiert Alex‘ Versuche, als Videoblogger offen und ehrlich sein Leben zu dokumentieren, mit der geskripteten Selbstdarstellung von Chris und Sibel und zeigt zugleich, wie weit diese von deren echten Leben abweicht.

Mit den Szenen des Influencer-Paars hat sich Annette Dorothea Weber beim Schreiben am schwersten getan. Im Rahmen der Recherche hat sie sich viele Videos erfolgreicher Influencer*innen auf YouTube angesehen. „Was die Influencer in der Serie sagen, ist fast alles echt. Wie sie reden und was sie reden, habe ich von verschiedenen Vorbildern identisch abgeschrieben.“

Homophober Hass auf offener Straße | Screenshot: CACM
Homophobe Kommentare auf offener Straße | Screenshot: CACM

Die anderen Figuren und Dialoge entstanden aus den vielen verschiedenen Eindrücken, die sie im Rahmen der langjährigen Arbeit im Community Art Center und am Theater gesammelt hat. So gibt es etwa in der ersten Folge eine Szene, in der sich die beiden lesbischen Mütter auf offener Straße küssen und von Passanten beschimpft werden. Einige der Kommentare habe sie genau so im Jungbusch in Bezug auf Schwule gehört. Die Autorin setzt dabei auch bewusst Klischees ein. „Ich bin mir sehr bewusst darüber, dass ich Zuschreibungen verwende. Wir arbeiten mit Klischees, brechen sie aber auch wieder, wenn zum Beispiel die ‚Engagierten‘ (Lias Mütter und deren Umfeld, Anm. d. Red.) ungewollt rassistisch sind“, erzählt sie im Interview. Eine solche Brechung findet auch statt, wenn im Wohnzimmer der „working poor“Familie Suhrkamp-Bände auf dem Couchtisch liegen und Margot aus diesen zitiert. Oder wenn die erfolgreiche YouTuberin Sibel türkische Wurzeln hat, wohingegen die selbsterklärte „Unterschichtsfamilie“ in einem weißen Milieu ohne Migrationshintergrund angelegt ist. Die Welt ist kompliziert! Hinterfragt eure Klischees, das soll die Serie einem entgegenrufen.

Vom Theater zur Webserie

Von 1998 bis 2002 arbeitete Annette Dorothea Weber als Dramaturgin, Regieassistentin und Regisseurin im Schnawwl, dem Kinder- und Jugendtheater am Nationaltheater Mannheim. Seit 2002 ist sie als freie Regisseurin tätig | Foto: Community Art Center Mannheim
Von 1998 bis 2002 arbeitete Annette Dorothea Weber als Dramaturgin, Regieassistentin und Regisseurin im Schnawwl, dem Kinder- und Jugendtheater am Nationaltheater Mannheim. Seit 2002 ist sie als freie Regisseurin tätig. (Mehr…) | Foto: Community Art Center Mannheim

Annette Dorothea Weber, die neben der Leitung des Community Art Centers als freie Regisseurin tätig ist, hat nicht nur die Figuren entwickelt und das Drehbuch geschrieben, sondern darüber hinaus Regie geführt und die Serie produziert. Die meisten Hauptfiguren der Serie werden von professionellen Schauspieler*innen gespielt, darunter bekannte Mannheimer Gesichter wie Monika-Margret Steger und Bettina Franke. Daneben gehören auch semiprofessionelle und Laienschauspieler zur wiederkehrenden Besetzung. In Statistenrollen sind auch Mitarbeiter*innen aus dem Community Art Center und Freiwillige aus dem Stadtteil zu sehen. „Ich arbeite sonst auch viel nur mit Laien, aber bei diesen Figuren hätte das nicht funktioniert. Das wäre viel aufwendiger gewesen und wir hätten wesentlich mehr Zeit gebraucht“, erklärt die Regisseurin.  Auch so hat die Produktion der Serie länger gedauert als geplant. Ursprünglich sollte die Serie schon im Frühjahr erscheinen. Doch mit so vielen freien Künstler*innen in einem Projekt gestaltete sich die Terminplanung schwierig und die Vor- und Nachproduktion liefen parallel zum regulären Tagesgeschäft im Community Art Center. „Wir haben die Serie mit möglichst geringen Mitteln produziert und deswegen haben wir zum Beispiel für den Schnitt vier Monate gebraucht. Das habe ich als Regisseurin zu zweit mit Kamerafrau Julia Schleisiek gemacht und wir konnten terminlich einfach nicht durchgehend daran arbeiten.“

Auf die Frage, ob ihr die Umstellung von der Theater- zur Filmregie schwer gefallen sei, erzählt Annette Dorothea Weber: „Ich habe als Regisseurin im Vorfeld zu neuen Arbeiten immer schon viele Bilder im Kopf. Das unterscheidet mich von den Kollege*innen, die wesentliche Elemente der Inszenierung erst im Probenprozess erarbeiten. Deswegen passt es eigentlich gut, dass ich jetzt einen Film mache.“ Schwer gefallen sei es ihr dennoch, im Vergleich zum Theater weniger Probenzeit zur Verfügung zu haben. Mit jeder der drei Filmfamilien gab es vor Drehbeginn nur eine Probe, um die Figuren und die Figurenkonstellation auszuprobieren. Ungewohnt war es für die Theaterregisseurin zudem, aufgenommene Szenen im Nachhinein nicht mehr verändern zu können. „Ich habe für die Einstellungen ganz eng mit unserer Kamerafrau zusammengearbeitet. Das hat mir dann am Ende auch Spaß gemacht, am Anfang habe ich mich unglaublich eingeengt gefühlt von den technischen Dingen.“

Das Ergebnis der Mühen ist seit dem 10. Oktober auf YouTube verfügbar und kommt scheinbar an. Seit die erste Episode erschienen ist, wurde sie schon 11.000 Mal geklickt. Für das kommende Jahr ist als Fortsetzung ein Theaterstück mit Figuren der Serie geplant, in welchem vor allem die Frage nach der „Zukunft der Arbeit“ aufgegriffen wird. Ein bisschen verrät und die Regisseurin schon vorab: „Fünf der professionellen Schauspieler aus der Serie werden daran mitwirken. Die Grundidee ist, dass ein neues Logistik-Zentrum gebaut wird und diese Figuren gemeinsam anfangen dort zu arbeiten.“ Das Stück soll öffentlich sowie in Schulen und Berufsschulen gezeigt werden, mit einem theaterpädagogischen Programm, in dem dann auch die Serie wieder aufgegriffen wird. Denn die Fragen nach Arbeit und Wohnen im 21. Jahrhundert betreffen die jungen Menschen. Jene, die sich gerade auf ihren Eintritt in diese Arbeitswelt vorbereiten.

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