Mit „RADIKAL.REAL.“ widmet die Kunsthalle Mannheim einer der einflussreichsten Kunstbewegungen der Nachkriegszeit eine Sommerausstellung.
In der Sommerausstellung „RADIKAL.REAL.“ der Kunsthalle Mannheim dreht sich alles um die Nouveaux Réalistes und ihr internationales Netzwerk. Sprich: die Nachkriegszeit zwischen den 1950er und den 1970er Jahren. Parole de l’art: Etwas mehr Realität, ohne s’il vous plaît. Bis 11. Oktober zeigt die von Luisa Heese kuratierte Ausstellung rund 150 Werke von Niki de Saint Phalle, Christo, César, Wolf Vostell, Chryssa und Edward Kienholz. Ein anregender Aperitivo an heißen Sommertagen.
Première einer neuen Kunstbewegung
Alles beginnt mit einem Manifest. Am 27. Oktober 1960 trifft sich in Yves Kleins Wohnung in der Rue Campagne-Première in Paris eine Gruppe junger Künstler. Mit dabei waren Arman, François Dufrêne, Raymond Hains, Martial Raysse, Daniel Spoerri, Jean Tinguely und Jacques Villeglé.
Das Treffen gilt heute als Schlüsselmoment der Neoavantgarde. Im Manifest heißt es:
„Nouveau Réalisme = nouvelles approches perceptives du réel“ – neue wahrnehmungsbezogene Zugänge zur Realität.
Verfasser des Manifests war der Kunstkritiker Pierre Restany. Er prägte den Nouveau Réalisme auch in den folgenden Jahren theoretisch. Alle Anwesenden unterschrieben das Manifest.
Alltagsdinge werden künstlerisches Material
Was wollten die Künstler, die sich Nouveaux Réalistes nannten? Zu ihnen stieß später auch Niki de Saint Phalle. Ihre üppigen Nanas wurden zum fröhlich-bunten Protest gegen die männlich dominierte Kunstwelt und zum Sinnbild einer selbstbewussten Frauenfigur.
Die Nouveaux Réalistes rebellierten gegen eine Konsumgesellschaft, die Kriegsjahre und Shoah rasch verdrängte. Dem Glücksversprechen der Warenwelt setzten sie knallharte Realität entgegen: Schrott, Müll, Gebrauchsgegenstände, Verpackungen oder abgerissene Plakate wurden zu künstlerischem Material.
Armans Werkreihe „Colères“ (Wutanfälle) mit zerstörten und neu arrangierten Telefonen, Geigen, Gitarren, Uhren oder Schreibmaschinen ist eine direkte künstlerische Reaktion auf den Konsumrausch.
Das Werk als Zeugnis von Aktion und Prozess
Gleich am Eingang hängt Armans weißer, gesprengter MG-Sportwagen des Werbefotografen Charles Wilp wie ein Tafelbild an der Wand (siehe Titelbild).
Vis-à-vis stehen Christos drei Ölfässer, eines davon verpackt. Nach seiner Ankunft in Paris entwickelt Christo das Prinzip des Verhüllens. Gemeinsam mit Jeanne-Claude blockiert er 1962 die Rue de Visconti mit Ölfässern – ein künstlerisches Zeichen gegen den Bau der Berliner Mauer.
Wolf Vostells Collage mit dem Brandenburger Tor führt in den nächsten Ausstellungsraum. Dort treffen kinetische Assemblagen von Feliza Bursztyn auf Tinguelys rastlose Maschinenobjekte, Césars berühmte Autokompressionen und die zwischen Mensch und Maschine angesiedelten Arbeiten von Alina Szapocznikow.
Szapocznikow überlebte Theresienstadt und Auschwitz. Sie starb 1973. Heute befinden sich ihre Arbeiten in Sammlungen unter anderem des Centre Pompidou und der Londoner Tate.
Das reale Ding als Material und Thema
Der Rundgang zeigt, wie radikal die Nouveaux Réalistes den Kunstbegriff erweiterten. Fundstücke aus dem Alltag, industrielle Gebrauchsgegenstände und abgerissene Plakate traten an die Stelle traditioneller Malerei und Bildhauerei.
Picasso, Braque, Matisse und Léger lebten noch. Gegen diese Vorbilder rebellierte die junge Generation mit Collage, Décollage, Assemblage und Performance. Marcel Duchamp hatte mit seiner Frage „Was ist Kunst?“ den Weg dafür bereitet.
Der Vater der Ready-mades stellt den Kunstbegriff auf den Kopf
Schönheitsideal und handwerkliche Meisterschaft? Nicht mehr à la mode. Duchamps Ready-mades beeinflussten die Nouveaux Réalistes ebenso wie später Pop-Art-Künstler wie Andy Warhol. Duchamps Konzept, Alltagsgegenstände zur Kunst zu erklären, und seine Überzeugung, dass die Idee wichtiger ist als die Form, prägen die Debatte über den Kunstbegriff bis heute.
Im Künstlermilieu von Montparnasse und Saint-Germain sorgen diese Positionen für heftige Auseinandersetzungen. Fauvismus und Kubismus gelten vielen nur noch als erstarrte Avantgarde. Für die neue Generation gehörten die Ablehnung von Konventionen und die Infragestellung der Kunst zum Selbstverständnis der Nouveaux Réalistes.
Das Ende ist der Anfang
Nur drei Jahre nach dem Manifest erklärte Pierre Restany den Nouveau Réalisme für beendet. Längst hatte sich die Bewegung von Paris über London, Mailand, Stockholm und Düsseldorf bis nach New York, Buenos Aires und Tokio ausgebreitet. Auch diese internationale Perspektive spiegelt sich in der Mannheimer Ausstellung. Dort ist unter anderem Tetsumi Kudos „Cage“ von 1973 zu sehen.
Filmtipp
Im Rahmen der Reihe „Film & Kunst“, die das Cinema Quadrat gemeinsam mit der Kunsthalle Mannheim veranstaltet, läuft am Donnerstag, 16. Juli, um 19:30 Uhr der Dokumentarfilm „Dieser Film ist ein Geschenk“ (Regie: Anja Salomonowitz, Österreich 2019). Der Film gibt Einblicke in das Werk Daniel Spoerris und seine besondere Objektkunst.
Die Reise durch die Ausstellung führt zu Künstlerinnen und Künstlern, die den Nouveau Réalisme weit über Paris hinaus prägten.
Yves Klein schuf mit dem „International Klein Blue“ (IKB 191) ein monochromes Ultramarinblau und unternahm, vom Zen inspiriert, 1960 seinen berühmten Sprung in die Leere. Die argentinische Konzeptkünstlerin Marta Minujín verbrannte 1963 ihr gesamtes Werk als Teil der Aktion „Destrucción“. Niki de Saint Phalle schoss 1961 erstmals auf eines ihrer Kunstwerke und verlagerte den Schaffensprozess aus dem Atelier in die Öffentlichkeit. Daniel Spoerri wiederum kippte die Horizontale in die Vertikale, gründete in Düsseldorf den Künstlertreff „Eat Art“ und machte aus Essensresten, Gläsern und Geschirr dreidimensionale Stillleben. „Ein Tisch aus dem Restaurant Spoerri“ (1968) gehört zur Sammlung der Kunsthalle Mannheim.
Wie anfangs gesagt: „RADIKAL.REAL.“ ist ein anregender Aperitivo an heißen Sommertagen.
Informationen:
Programm
Rund um die Ausstellung gibt es ein vielfältiges Begleitprogramm, das die künstlerische Auseinandersetzung mit der Realität aus aktueller Perspektive beleuchtet und die radikalen Ideen der 1960er Jahre im sozialen Raum neu aktiviert.
Aktuelle Termine finden sich unter kuma.art/programm.
Katalog
Zur Ausstellung erscheint ein umfangreicher Katalog im Wienand Verlag, herausgegeben von Luisa Heese, mit Texten von Luisa Heese, Déborah Laks, Axel Heil und Stefano Agresti. Er ist im Museumsshop für 38 Euro erhältlich.
Kontakt
Besucher*innen-Telefon: 0621 293-6423 (Montag bis Freitag, 9 bis 12 Uhr)
E-Mail: info@kuma.art
Webseite: www.kuma.art

