Mit „Dollhouse“ zeigt die Kunsthalle Mannheim eine Retrospektive von Kaari Upson – und Johan Holten verabschiedet sich als Direktor.
Mit der Retrospektive „Dollhouse“, die vom 13. Februar bis 31. Mai 2026 in der Kunsthalle Mannheim zu sehen ist, verabschiedet sich Johan Holten von Mannheim. Zum Abschied wählt er eine Künstlerin, mit der er 2020 unter anderem die Ausstellung „Young Female Sculptors from Around the World“ eröffnete. Mit einem Augenzwinkern lud er bei der bis auf den letzten Platz gefüllten Vernissage Mannheims Kunstfreund*innen nach Kopenhagen ins Museum ARKEN ein, dessen Leitung er übernimmt. Oberbürgermeister Christian Specht überreichte ihm ein Trikot der dänischen Männer-Handballnationalmannschaft mit der Nummer 68 und seinem Namen. Das Publikum reagierte mit Heiterkeit – und verabschiedete den scheidenden Kunsthallendirektor mit Standing Ovations.
Upsons Hometown: „Man muss da weg“
Kaari Upson wird in San Bernardino geboren, etwa eine Stunde von Los Angeles, der Stadt der Engel, entfernt. Ihr Vater ist US-Amerikaner, ihre Mutter aus Deutschland emigriert. „Kein Ort, um Kinder großzuziehen“ (Los Angeles Times). Es ist ein toxischer Ort: Erdbeben-Valley mit atemraubendem Smog und vergiftetem Trinkwasser, die zweitärmste Großstadt der USA, Epizentrum der Droge Crystal Meth. Das San Fernando Valley des California Dream liegt gleich um die Ecke. Hollywood ist für seine glamourösen Filme bekannt, San Bernardino für seine verrammelten Kinos.
Mit achtzehn macht sich Kaari Upson nach Los Angeles auf, mit zweiundzwanzig nach New York City. Ein paar Jahre später landet sie wieder in Los Angeles, immatrikuliert sich im California Institute of the Arts (CalArts) und macht den Bachelor.
Upsons Zitat klingt wie der Beatles-Song „Get Back to Where You Once Belonged“. Sie geht zurück, setzt sich mit San Bernardino auseinander, macht den Ort zum Dreh- und Angelpunkt für ihr Werk. Der Platz ihrer Kindheit wird zum Ausgangsmaterial. Sie gräbt, gießt, schichtet. Sammelt Indizien, um verstreutes Bildmaterial zusammenzusetzen, zu rekonstruieren. Fertigt von verrotteten Sitzlandschaften, ausrangiertem Mobiliar oder weggeworfenen Matratzen überdimensionale Latexabgüsse, die grotesk verformt wie prähistorische Urtiere in den Raum ragen. Ihre verblichenen Oberflächen, Flecken und Abdrücke von Körpern berühren und verstören. Upson formt alles zu einer Archäologie des Schreckens.
Der Ausstellungsparcours beginnt mit „The Larry Project“. Larrys mysteriös abgebrannter Villa. Der Name ist fiktiv, der Ort real. Der Blick fällt durch ein Gitternetz in einen dämmrigen Raum. Der Fußboden klebt an der Seitenfront und schält sich wie abgezogene Haut von seinem Träger. Von der Decke hängt kopfüber eine rechtwinklige Öffnung. Eine Latexinstallation. Doch der Schauplatz ist eine Täuschung. Wie viele ihrer Artefakte überschreibt Upson das Original wie ein Palimpsest. Wirklichkeit wird zur Fiktion, Fiktion zur persönlichen Erzählung, die sich Larrys Leben obsessiv einverleibt.
Grotten-Videoinstallation und Ölporträts im ersten Ausstellungsraum sind Psychogramme des Begehrens. Sie erzählen wie in einer Endlosschleife von Intimität, Nähe und Verfall.
„Dollhouse“ in einem sich anschließenden Raum ist ein Puppenhaus. Das ihrer Mutter. Ein Erbstück der deutschen Großmutter. Enkelin Kaari nimmt das Familienobjekt und bläst es in einem 3D-Scanprozess überdimensional zu einer begehbaren Installation auf, die den Raum dominiert. Holtens Kommentar bei seiner Begrüßungsrede: „Wir mussten dafür die Raumdecke der Kunsthalle durchstoßen!“ Das Innere des Puppenhauses als Depot für Erinnerungen und Identitäten dreier Generationen. Die vergrößerten Gegenstände – Waschgarnitur, Seifendose, Seifen und Zahnprothesen – sind aufgereiht wie in einer polizeilichen Asservatenkammer. Real – und doch ohne Nutzwert.
In der beigeordneten Videoinstallation trägt Upson auf den Lidern aufgemalte Augen. Traumhaft verzerrt in endlosen Überblendungen erscheinen Gegenstände aus dem Puppenhaus und verdichten sich zu einer Erzählung aus Spiel, Maskerade und Vergänglichkeit.
Endspiel ohne Happy End
Der Abschlussraum zeigt „Mother’s Legs“. Auch hier wird Upsons akribische Arbeitsweise deutlich. Malerisches wird reliefartig modelliert, die Skulptur malerisch gedacht. Keine Pinsel – Spachtel kommen zum Einsatz. „Mother’s Legs“ besteht aus einer Anordnung von bemalten Baumstämmen, die von der Decke hängen. Die Stämme sind Abgüsse von Bäumen aus dem Garten der Eltern in San Bernardino, die gefällt werden mussten. Upson platziert dazwischen Abgüsse ihrer eigenen Knie.
„Foot Face“ zeigt eine Serie, die 140 Zeichnungen umfasst. Das Werk zeigt den Fuß ihrer Mutter vor dem Gesicht der Künstlerin. Keine großformatigen Bleistiftzeichnungen wie in den drei ersten Ausstellungsräumen, sondern kleinformatig. Abstrakte Gesichter von wilder Farbigkeit, aus denen Augen und Zähne markant hervorstechen. Sie zeigen ungeschönt in Form von Kalenderblättern Upsons Endspiel, das der Tod gewinnt. Kaari Upson stirbt 2021 mit nur 51 Jahren. Ein Jahr nach dem Tod ihrer Mutter. Ihr Work in Progress endet abrupt. Die Performance des sich Erinnerns aber lebt in uns allen weiter.
Begleitprogramm und Katalog: Zur Ausstellung erscheint eine Publikation im Verlag DISTANZ, herausgegeben von Johan Holten. Der Katalog kostet 34 Euro und ist im Museumsshop der Kunsthalle Mannheim erhältlich.
Diese Webseite verwendet Cookies, um die Funktionalität zu ermöglichen, Inhalte darzustellen sowie für Statistiken und Werbung.
Funktionale Cookies
Immer aktiv
Die technische Speicherung oder der Zugang ist unbedingt erforderlich für den rechtmäßigen Zweck, die Nutzung eines bestimmten Dienstes zu ermöglichen, der vom Teilnehmer oder Nutzer ausdrücklich gewünscht wird, oder für den alleinigen Zweck, die Übertragung einer Nachricht über ein elektronisches Kommunikationsnetz durchzuführen.
Vorlieben
Die technische Speicherung oder der Zugriff ist für den rechtmäßigen Zweck der Speicherung von Präferenzen erforderlich, die nicht vom Abonnenten oder Benutzer angefordert wurden.
Statistiken
Die technische Speicherung oder der Zugriff, der ausschließlich zu statistischen Zwecken erfolgt.Die technische Speicherung oder der Zugriff, der ausschließlich zu anonymen statistischen Zwecken verwendet wird. Ohne eine Vorladung, die freiwillige Zustimmung deines Internetdienstanbieters oder zusätzliche Aufzeichnungen von Dritten können die zu diesem Zweck gespeicherten oder abgerufenen Informationen allein in der Regel nicht dazu verwendet werden, dich zu identifizieren.
Marketing
Die technische Speicherung oder der Zugriff ist erforderlich, um Nutzerprofile zu erstellen, um Werbung zu versenden oder um den Nutzer auf einer Website oder über mehrere Websites hinweg zu ähnlichen Marketingzwecken zu verfolgen.
Ab 1 Euro pro Monat helft ihr, unabhängigen Lokaljournalismus in der Neckarstadt zu sichern. Mit eurer Unterstützung können wir unsere Arbeit ausbauen und zusätzliche Mitarbeit ermöglichen.
Mit „Dollhouse“ zeigt die Kunsthalle Mannheim eine Retrospektive von Kaari Upson – und Johan Holten verabschiedet sich als Direktor.
Mit der Retrospektive „Dollhouse“, die vom 13. Februar bis 31. Mai 2026 in der Kunsthalle Mannheim zu sehen ist, verabschiedet sich Johan Holten von Mannheim. Zum Abschied wählt er eine Künstlerin, mit der er 2020 unter anderem die Ausstellung „Young Female Sculptors from Around the World“ eröffnete. Mit einem Augenzwinkern lud er bei der bis auf den letzten Platz gefüllten Vernissage Mannheims Kunstfreund*innen nach Kopenhagen ins Museum ARKEN ein, dessen Leitung er übernimmt. Oberbürgermeister Christian Specht überreichte ihm ein Trikot der dänischen Männer-Handballnationalmannschaft mit der Nummer 68 und seinem Namen. Das Publikum reagierte mit Heiterkeit – und verabschiedete den scheidenden Kunsthallendirektor mit Standing Ovations.
Upsons Hometown: „Man muss da weg“
Kaari Upson wird in San Bernardino geboren, etwa eine Stunde von Los Angeles, der Stadt der Engel, entfernt. Ihr Vater ist US-Amerikaner, ihre Mutter aus Deutschland emigriert. „Kein Ort, um Kinder großzuziehen“ (Los Angeles Times). Es ist ein toxischer Ort: Erdbeben-Valley mit atemraubendem Smog und vergiftetem Trinkwasser, die zweitärmste Großstadt der USA, Epizentrum der Droge Crystal Meth. Das San Fernando Valley des California Dream liegt gleich um die Ecke. Hollywood ist für seine glamourösen Filme bekannt, San Bernardino für seine verrammelten Kinos.
Mit achtzehn macht sich Kaari Upson nach Los Angeles auf, mit zweiundzwanzig nach New York City. Ein paar Jahre später landet sie wieder in Los Angeles, immatrikuliert sich im California Institute of the Arts (CalArts) und macht den Bachelor.
„Get Back the Way You Came“
Upsons Zitat klingt wie der Beatles-Song „Get Back to Where You Once Belonged“. Sie geht zurück, setzt sich mit San Bernardino auseinander, macht den Ort zum Dreh- und Angelpunkt für ihr Werk. Der Platz ihrer Kindheit wird zum Ausgangsmaterial. Sie gräbt, gießt, schichtet. Sammelt Indizien, um verstreutes Bildmaterial zusammenzusetzen, zu rekonstruieren. Fertigt von verrotteten Sitzlandschaften, ausrangiertem Mobiliar oder weggeworfenen Matratzen überdimensionale Latexabgüsse, die grotesk verformt wie prähistorische Urtiere in den Raum ragen. Ihre verblichenen Oberflächen, Flecken und Abdrücke von Körpern berühren und verstören. Upson formt alles zu einer Archäologie des Schreckens.
Der Ausstellungsparcours beginnt mit „The Larry Project“. Larrys mysteriös abgebrannter Villa. Der Name ist fiktiv, der Ort real. Der Blick fällt durch ein Gitternetz in einen dämmrigen Raum. Der Fußboden klebt an der Seitenfront und schält sich wie abgezogene Haut von seinem Träger. Von der Decke hängt kopfüber eine rechtwinklige Öffnung. Eine Latexinstallation. Doch der Schauplatz ist eine Täuschung. Wie viele ihrer Artefakte überschreibt Upson das Original wie ein Palimpsest. Wirklichkeit wird zur Fiktion, Fiktion zur persönlichen Erzählung, die sich Larrys Leben obsessiv einverleibt.
Grotten-Videoinstallation und Ölporträts im ersten Ausstellungsraum sind Psychogramme des Begehrens. Sie erzählen wie in einer Endlosschleife von Intimität, Nähe und Verfall.
Familienaufstellung dreier Generationen
„Dollhouse“ in einem sich anschließenden Raum ist ein Puppenhaus. Das ihrer Mutter. Ein Erbstück der deutschen Großmutter. Enkelin Kaari nimmt das Familienobjekt und bläst es in einem 3D-Scanprozess überdimensional zu einer begehbaren Installation auf, die den Raum dominiert. Holtens Kommentar bei seiner Begrüßungsrede: „Wir mussten dafür die Raumdecke der Kunsthalle durchstoßen!“ Das Innere des Puppenhauses als Depot für Erinnerungen und Identitäten dreier Generationen. Die vergrößerten Gegenstände – Waschgarnitur, Seifendose, Seifen und Zahnprothesen – sind aufgereiht wie in einer polizeilichen Asservatenkammer. Real – und doch ohne Nutzwert.
In der beigeordneten Videoinstallation trägt Upson auf den Lidern aufgemalte Augen. Traumhaft verzerrt in endlosen Überblendungen erscheinen Gegenstände aus dem Puppenhaus und verdichten sich zu einer Erzählung aus Spiel, Maskerade und Vergänglichkeit.
Endspiel ohne Happy End
Der Abschlussraum zeigt „Mother’s Legs“. Auch hier wird Upsons akribische Arbeitsweise deutlich. Malerisches wird reliefartig modelliert, die Skulptur malerisch gedacht. Keine Pinsel – Spachtel kommen zum Einsatz. „Mother’s Legs“ besteht aus einer Anordnung von bemalten Baumstämmen, die von der Decke hängen. Die Stämme sind Abgüsse von Bäumen aus dem Garten der Eltern in San Bernardino, die gefällt werden mussten. Upson platziert dazwischen Abgüsse ihrer eigenen Knie.
„Foot Face“ zeigt eine Serie, die 140 Zeichnungen umfasst. Das Werk zeigt den Fuß ihrer Mutter vor dem Gesicht der Künstlerin. Keine großformatigen Bleistiftzeichnungen wie in den drei ersten Ausstellungsräumen, sondern kleinformatig. Abstrakte Gesichter von wilder Farbigkeit, aus denen Augen und Zähne markant hervorstechen. Sie zeigen ungeschönt in Form von Kalenderblättern Upsons Endspiel, das der Tod gewinnt. Kaari Upson stirbt 2021 mit nur 51 Jahren. Ein Jahr nach dem Tod ihrer Mutter. Ihr Work in Progress endet abrupt. Die Performance des sich Erinnerns aber lebt in uns allen weiter.
Begleitprogramm und Katalog: Zur Ausstellung erscheint eine Publikation im Verlag DISTANZ, herausgegeben von Johan Holten. Der Katalog kostet 34 Euro und ist im Museumsshop der Kunsthalle Mannheim erhältlich.
Weitere Informationen unter https://kuma.art.
Auch interessant…