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Von Märchen-Onkeln, Legenden-Strickern, Second-Hand-Zeugen und Zündlern

Was in diesen Tagen in den sozialen Medien und in der Stadtgazette Mannheimer Morgen im Zusammenhang mit der Messerstecherei vor der H4-Wache zu lesen war, erschreckt gehörig. Ein Polizist wird verbal attackiert und als „Schisser“ beschimpft. Der Mannheimer Morgen ahnt gar Verbindungen zur Massenschlägerei im Juni im Jungbusch. Die Nazis der NPD sehen „die Stadt in der Kriminalität versinken“ und von „türkischen Clans beherrscht“.

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Stadtrat Fontagnier | Foto: Grüne Fraktion Mannheim
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60 bis 70 Straftaten dieser und ähnlicher Art, zum Glück nicht immer mit diesem tragischen und bedauernswerten Ende wie am 4. September in der Filsbach, werden jährlich in der Mannheimer Innenstadt verzeichnet. Diese Zahlen sind im Vergleich mit anderen Städten nicht gravierend hoch, auch wenn jede Gewalttat eine zuviel ist. Die Gründe für derart Gewalt sind sehr unterschiedlich. Eifersucht, Geld, Alkohol sind sicher häufigere Auslöser. Taten wie die Messerstecherei geschehen in Minuten oder gar nur in Sekunden.

Wir saßen an diesem Abend zu fünft in der Außenbewirtung des Salerno in G4. Als wir nach den vernommenen Schreien um die Ecke nach H4 gingen, war die Tat bereits passiert. Der türkischstämmige verletzte Bauunternehmer und sein getöteter Sohn hatten einen Disput mit Arbeitern über die Höhe des am selben Tage ausgezahlten Lohnes. Der Streit verlagerte sich innerhalb der Innenstadt in Richtung H4. Wohl auch, weil der Bauunternehmer auch mit dem Friseurladen gegenüber der H4-Wache zu tun hat und Schutz suchen wollte in der Wache. An jenem Abend waren alle Polizisten bis auf einen unterwegs bei verschiedenen Fällen. Der Mannheimer Morgen liefert seinen Leserinnen und Lesern keine Erklärung, warum der verbliebene Polizist aus dem Fenster springen musste um einzuschreiten. Die Sicherheitsschleuse kann zwar verlassen aber nicht mehr betreten werden, wenn nicht innen ein zweiter Polizist den Türöffner drückt. Das würde nämlich erklären, warum Zeugen den Polizisten kurz aus der aus der Tür kommen und gleich wieder hineingehen sahen. Was einige Zeugen wohl zur Nutzung des Begriffes „Schisser“ veranlasste. Unmittelbar danach sahen Zeugen den Polizisten (manche sahen eine Polizistin) aus dem Fenster springen. Übrigens tat er dies gegen die Vorschriften, eben um zu schlichten und nicht tatenlos zu bleiben. Nachdem die Streithähne keine Ruhe gaben und der Polizist selbst angegriffen wurde muss er sich wohl wieder durch das Fenster in die Wache begeben haben um Hilfe zu rufen. Wahrscheinlich holte der Angreifer genau in dieser Zeit das Messer heraus und stach tödlich zu. Dem Polizisten daraus einen Vorwurf zu machen ist gänzlich daneben.

Waren inklusive derer die unterwegs waren, zu wenig Polizisten in der Wache? Ist gar die Grün-Rote Polizeireform in Baden-Württemberg schuld? Der Personalmangel der Polizei entstand bekanntermassen vor dem Amtsantritt der aktuellen Landesregierung. Das Einstellungsprogramm derselben hat Personallücken gefüllt. Immer wieder aber gibt es, wie in dieser Nacht vom 4. auf den 5. September 2014 Spitzen die an die Personalsubstanz gehen.

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Welche Rückschlüsse bleiben also? Konservative Politiker schreien bei solchen Gelegenheiten: „Mehr Polizei muss her“. Rechte finden sogleich einen Zusammenhang zu „Ausländern“: „Ausweisen und dann wäre Ruhe“. Gewalt aber ist eine Erscheinung menschlichen Handelns, das sich wohl leider nie ganz ausmerzen lässt. Nach jeder Tat in politischen Aktionismus zu verfallen, macht wenig Sinn. Auch wenn natürlich in solchen Fällen immer der Vorwurf laut wird, die Politik handele nicht.

Das menschliche Beileid und Mitgefühl mit Betroffenen und Verwandten und die Aufklärung der Fälle sind wohl die eher angebrachten Handlungen.


Ein Gastartikel von Gerhard Fontagnier, Stadtrat (Bündnis 90/Die Grünen). Er ist parallel auch in der Printausgabe von Kommunal-Info Mannheim (Archiv-Link) erschienen.

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