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Stadtentwicklung

Die tragische Geschichte des Friedrichsparks

Weil die Universität aus allen Nähten platzt, soll der Friedrichspark bebaut werden. Ein Fehler, findet unser Gastautor. (Mit Foto-Galerie.)

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Da weder Stadt noch Land rechtzeitig und ernsthaft das Hafengelände zwischen Verbindungskanal und Parkring in Betracht gezogen haben, hat der Mannheimer Gemeinderat dem Bauvorhaben stattgegeben.

Das allgemeine Verständnis sieht vor, dass man einen geschenkten, geliehenen oder gemeinsam genutzten Gegenstand pflegsam behandelt. Das hat was mit Anstand zu tun und dürfte im Großen und Ganzen in der Gesellschaft als selbstverständlich gesehen werden. Nun trifft das nicht nur auf den Blumenstrauß, die elektrische Stichsäge vom Nachbarn oder auf die Kaffeemaschine einer Bürogemeinschaft, sondern auch auf öffentliche Räume, wie z.B. Parkanlagen, zu. Und darauf werden Bürgerinnen und Bürger von der Stadtverwaltung hingewiesen, mancherorts erhält man sogar Bußgelder, wenn man sich nicht an das Regelwerk hält.

Der Friedrichspark wird nicht geschätzt

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Der Friedrichspark in früheren Zeiten | Bildnachweis: MARCHIVUM Mannheim, Bildsammlung

Aber wie verhält es sich, wenn eine Stadt selbst, stellvertretend für ihre Bürgerinnen und Bürger, in die ehrenvolle Situation kommt, ein wertvolles Geschenk zu erhalten? Da wird offensichtlich mit zweierlei Maß gemessen. Denn während die Stadt Mannheim seit über 110 Jahren ihre ganze Energie für den Friedrichsplatz aufbringt, wird der ältere Friedrichspark offensichtlich als weniger wertvoll betrachtet. Gut. Vielleicht liegt die Erklärung darin, dass der Friedrichspark zum Schlossareal und damit dem Land Baden-Württemberg gehört und sich die Stadt Mannheim den Friedrichsplatz zum 300-jährigen Jubiläum selbst zum Geschenk gemacht hat. Mit dem eigenen Besitz geht man natürlich umsichtiger um.

Die Geschichte des Friedrichsparks
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Der Schlossgarten inkl. Friedrichspark | Bildnachweis: MARCHIVUM Mannheim, Bildsammlung

Das Mannheimer Barockschloss, unter der Regentschaft des Kurfürsten Carl Philipp im 18. Jahrhundert erbaut, diente 100 Jahre später Stéphanie von Baden, Gemahlin des Erbprinzen Karl von Baden, nach dessen frühen Tod 1818, als Witwensitz. Nach Kurfürst Carl Theodor war sie es, die Mannheim Mitte des 19. Jahrhunderts goldene Zeiten bescherte. Neben ihrem sozialen Engagement gehörte ihre Leidenschaft der Natur. Unter anderem ließ sie den Schlossgarten, zu dem der Friedrichspark gehört, neugestalten. Er wurde nach englischem Vorbild angelegt und für die Mannheimer Bevölkerung zugänglich gemacht, was zu dieser Zeit nicht selbstverständlich war. Zu ihren Ehren erinnert eine Statue am Stephanienufer an die beeindruckende Großherzogin, die so viel für Mannheim und seinen Bürgerinnen und Bürgern getan hat. Und doch hat diese Geschichte ein zynisches Ende.

Denn nur fünf Jahre nach dem Tod Stéphanies, beginnt die Politik ihr Erbe mit Füßen zu treten. Angefangen hat es mit der Eisenbahntrasse, die seither durch den Schlossgarten führt. 1939 wurde das Eisstadion im Friedrichspark eröffnet. Seit den 1950er Jahren zerschneiden Zu- und Abfahrten der Konrad-Adenauer-Brücke den Schlossgarten, der wohl gravierendste Fauxpas. Im Friedrichspark entstanden in den 1970er Jahren die Mensa und die Sozialwissenschaftliche Fakultät (in A5) der Universität. Hierbei sollte man wissen, das es das Quadrat A 5 früher nicht gab und es Teil des Parks war. Mit der Verlängerung der Bismarckstraße wurde es von der restlichen Grünanlage gekappt.

Universität muss sich vergrößern

Nun prescht abermals die Universität nach vorn. Zum einem sitzt ihr die Feuerwehr im Nacken, die im Schloss gern die neuen feuerschutzrechtlichen Bestimmungen umgesetzt sehen möchte, zum anderen erhält die Universität global mehr positive Aufmerksamkeit, was natürlich der Landesregierung als Inhaberin gefällt. Die Bewerbungen angehender Studierenden steigen rasant. Schon jetzt sind Vorlesungen den ganzen Tag über eng getaktet und nicht alle finden am selben Ort statt. Flexibilität bei den Studierenden ist gefordert. Umso wichtiger ist es der Universität – verständlicherweise – den Campus-Charakter beizubehalten. So entstand die Idee, im Friedrichspark nach Abriss des ehemaligen Eisstadions entlang der Bismarckstraße fünf neue Gebäude und gegenüber auf der Freifläche in A 5 ein weiteres für das Rechenzentrum errichten zu lassen. Die schon in der Bismarckstraße beginnende Auffahrt zur Konrad-Adenauer-Brücke soll abgerissen werden.

Natur soll durch Gebäude „aufgewertet“ werden

Eine Begründung für die Standortwahl lautet, der Friedrichspark friste ein einsames Dasein und würde mit dem Bau der Gebäude aufgewertet werden. Studierende würden den Park bis heute als Angstraum wahrnehmen. Das die Aufenthaltsqualität im Friedrichspark nicht mit der im Unteren Luisenpark, dem zweiten innenstadtnahen Stadtpark, zu vergleichen ist, ist nicht abzustreiten, dürfte aber dem starkbefahrenen Parkring geschuldet sein. Und sowohl Mensa, als auch Eisstadion versperren die Sicht auf den Park. Doch von einem Angstraum zu sprechen, wäre doch zu hoch gegriffen. Das trifft dann schon eher auf die vielen verwinkelten Unterführungen im Schlossgarten zu. Vor einigen Jahren wurde eine junge Studierende Opfer einer brutalen Vergewaltigung und Ermordung unterhalb der vergleichbaren Zu- und Abfahrten der Kurt-Schumacher-Brücke.
Der Friedrichspark gewinnt also erst an Aufenthaltsqualität, wenn das Eisstadion endlich abgerissen wird und die Zu- und Abfahrten verschwinden, sprich eine ernstgemeinte Renaturierung des gesamten Schlossgartens verfolgt wird.

Ein Klimagutachten bestätigt auch:

„Mit dem Abriss der ehemaligen Eissporthalle besteht die Möglichkeit, die klimaökologische Ausgleichsleistung des Friedrichsparks nachhaltig zu verstärken und die Aufenthaltsqualität für erholungsuchende Innenstadtbewohner zu verbessern. Aus klimaökologischer Sicht wäre daher ein Verzicht auf zusätzliche Baumaßnahme im Bereich des Friedrichsparks das Optimalziel.“

So zitiert es auch die Gemeinderatsfraktion der Mannheimer Grünen auf ihrer Internetseite.

Fauler Kompromiss: Drei statt fünf Gebäude

Und doch ist es die Partei selbst, die seit der Kommunalwahl 2019 die Mehrheit im Gemeinderat bildet, die dem Bauantrag mit stattgibt. Sie bewertet es als „grünen Erfolg“, weil aus ihrer Sicht ein gelungener Kompromiss gefunden wurde. Statt fünf sind es nur noch drei geplante Universitätsgebäude, die klimafreundlichen Standards wie Dachbegrünungen, entsprechen sollen. Nun hätte man sich gewünscht, dass sich mit einem mehrheitlich grünen Gemeinderat die Beziehungen zur Landesregierung verbessern würde, aber das war wohl ein Trugschluss.

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Die Reduzierung der Gebäudeanzahl von fünf auf drei wurde schon Anfang diesen Jahres nach heftiger Gegenwehr der Planungsgegner vom Universitätsrektor Prof. Dr. Thomas Puhl verkündet, so dass der Verdacht nahe liegt, dass allein nur die geforderte klimafreundliche Gestaltung der geplanten Universitätsgebäude und das Augenmerk auf den hiesigen Naturschutz bei den Parteikollegen in Stuttgart durchgeboxt werden konnte.

Hätte es Alternativen gegeben?

So könnte die weitere Ausführung ihres auf ihrer Internetpräsenz veröffentlichten Antrages auch als Seitenhieb in Richtung Landesregierung verstanden werden: „Wir sehen, dass man die Ausschreibung im Jahr 2017 hätte anders gestalten und den Friedrichspark aus dem Wettbewerb hätte nehmen sollen. Stattdessen hätte man von Anfang an die Hafengebiete (ebenfalls im Landesbesitz, Anm. d. Autors) näher in Betracht ziehen können, denn auch diese sind für die städtebauliche Entwicklung zentrale und relevante Gebiete.“ Ein Vorschlag, den der Beirat der Architektenkammer gleich zu Beginn ins Spiel brachte, aber scheinbar unerhört blieb.

Warum kam es letztendlich zu dieser Entscheidung?

Es ist leider wieder einmal das liebe Geld. Die baden-württembergische Landesregierung stellt eine ordentliche Finanzspritze in Aussicht. Natürlich mit Verfallsdatum. Das erhöhte den Druck auf Mannheim. So sah Oberbürgermeister Peter Kurz keinen Ausweg, als mitzuziehen. Zum einem wohl um der hiesigen Wirtschaft zu gefallen, indem er potenzielle Fachkräfte für sie mit nach Mannheim lockt, zum anderen um es sich nicht mit Stuttgart zu verscherzen.

Alle politischen Beteiligten haben es ganz offensichtlich verpennt, rechtzeitig sich umfassend und mit Weitblick, unter Berücksichtigung der aktuellen Bedürfnisse der Bevölkerung – Stichwort: Klimawandel – mit dem Thema auseinanderzusetzen.

Breiter Protest aus der Bevölkerung und von Institutionen

Nun dürfte der Friedrichspark, da es offensichtlich mit Kampfgeist und Durchsetzungsvermögen aller hiesigen Politiker*innen nicht weit her ist, für diese Fehlentwicklung herhalten müssen, würde wiederum der Widerstand in der Mannheimer Bevölkerung nicht erstarken. Sowohl von Anwohnerinnen und Anwohnern der westlichen Oberstadt, als auch vom Beirat der Architektenkammer, vom Dekan Jung vom katholischen Stadtdekanat, vom Bürgerverein Innenstadt West e.V., vom Bürger- und Gewerbeverein Östliche Innenstadt, vom Netzwerk Kapuzinerplanken, vom Verein Friedrichsplatz e.V., vom Verein Stadtbild e.V., von der Initiative SOS Stadtbaum e.V. und von der Werbegemeinschaft City Mannheim e.V. kommt berechtigte Kritik.

Negative Auswirkungen angemahnt

Von gekappter Frischluftschneise, Bodenversiegelung und vor allem von einem dramatischen Eingriff in das zeitgeschichtliche Erscheinungsbild des Schlosses ist die Rede. Zu Recht. Denn warum profitieren viele Gemeinden wie Schwetzingen, Ludwigsburg und Karlsruhe von der hohen Anzahl von Tourist*innen? Es sind ihre Schlösser und ihre dazugehörigen Gärten und Grünanlagen, die Menschen aus der ganzen Welt anlocken.

Ein renaturierter Friedrichspark könnte nicht nur Mannheimer*innen bereichern

Die Stadt Mannheim erfreut sich auch über die wachsende Zahl an Tourist*innen. Das Schloss mit seiner Grünanlage aber kommt z.B. auf der Plattform „TripAdvisor“ nur durchschnittlich gut weg. Da schreibt zum Beispiel David G aus Berlin im März 2018 zum Schloss Mannheim: „Sehr coole Sehenswürdigkeit…schade das der Garten nicht mehr da ist!“ Oder das Touristenpaar Blumenfreunde aus Köln im Juli 2019: „Im Rahmen unserer Rheinkreuzfahrt waren wir kurz in der Nähe des Schlosses…der Schlosspark ist durch das Straßendurcheinander + Bahnanlagen ohne Aufenthaltsqualität.“ Und das Urteil des Users Becar76 im April 2017 ist vernichtend: „Hier gibt es nichts zu sehen. Kein Vergleich zu Schwetzingen, Heidelberg oder sogar Bruchsal. Meiner Meinung nach Zeitverschwendung!“

In jüngster Vergangenheit wird Mannheim als spannendes Reiseziel hervorgehoben. Diese kostenlose Werbung ist von unschätzbarem Wert für Stadt und Land und sollte nicht weiter aufs Spiel gesetzt werden. Der Tourismus spült ordentlich Geld in beide Kassen.

Umweltaspekte müssen höheren Stellenwert erhalten

Schlussendlich hat also die Politik zwei Aufgaben zu bewältigen. Zwei Aufgaben, die beide getrennt voneinander behandelt werden müssen. Mit dem Abriss des Eisstadions sollte dem Friedrichspark mit dem Schlossgarten, wie auch zuletzt beim Ehrenhof, zum alten Glanz verholfen werden. Auf der anderen Seite müssen der Universität alternative Standorte angeboten werden. Sollte das zum Schutz des Friedrichsparks nicht auf Anhieb umsetzbar sein, müssen alle Beteiligten das nun einmal akzeptieren und neue Lösungsansätze bei gleicher Finanzierung erarbeiten. Umwelt darf in der heutigen Zeit nicht weiter im Vergleich zur Wirtschaft den geringeren Stellenwert haben. Das dürfte in den letzten Jahren allen klar geworden sein. Was für das globale Handeln gilt, sollte erst Recht auch für Mannheim gelten.

Foto-Galerie

Alle Fotos (soweit nicht anders ausgewiesen): Peter Derks

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2 Kommentare zu “Die tragische Geschichte des Friedrichsparks

  1. Karlheinz Sausbier

    in diesem guten Beitrag ist alles Wichtige gesagt. Würde doch nur Vernunft walten ! Die Behinderung der Frischluftzufuhr ist leider bei der Postareal-Bebauung entlang der Reichskanzler – Müllerstrasse noch weitaus schlimmer.
    Sehenden Auges geschieht das Gegenteil von dem, was endlich nötig wäre. Klimaberbesserung in der Stadt !

  2. Ursula Jochim

    Ein gut recherchierter Artikel, vielen Dank !!
    Solche Worte möchte / müsste ich von den Grünen Gemeinderäten hören – leider Fehlanzeige.
    Meine Erwartungen an zukunftsweisendes Handeln schmelzen wie die Gletscher in der Arktis.
    Das kann ja heiß werden.
    Wohl denen, die ein Häuschen im Odenwald haben…

Kommentare sind geschlossen.