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Nachbarschaft

Zwei Wochen Vorsprung: Das Leben in häuslicher Isolation

Wie Norditalien-Heimkehrende die letzten Wochen in der Neckarstadt erlebt haben, erzählt unser Erfahrungsbericht über zwei Wochen in häuslicher Isolation.

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Komisch, wenn man plötzlich so mittendrin ist.

Unbeschwerter Skiurlaub in den Südtiroler Alpen

Alles fängt an mit glitzernder Sonne über Südtiroler Alpenhängen. Eine traumhafte Kulisse, der Schnee knirscht, die Kinder sausen mit den Skilehrern ungehemmt waghalsig über die Buckelpisten den Hang hinunter. Faschingsferien könnten kaum schöner starten.

Doch dann schleichen sie sich ein: Berichte über erste Corona-Fälle in Italien. In den Gondeln lästernde Kommentare und betont hustende Teenager, die sich einen Spaß aus der Hysterie machen. Beschwichtigende Gastgeber in den Pensionen „Südtiroler gehören ja mehr zu Österreich als zu Italien“ und die verunsichernde Meldung über zwei an der Grenze gestoppte Züge.

Jeden Tag wird es konkreter. Mit den steigenden Fallzahlen kommen die Maßnahmen. Gleich am Montag gibt es die erste Mahnung der Assistentin aus dem Büro: Norditalien-Heimkehrer vermeiden bitte für zwei Wochen jeglichen Kontakt zu Kollegen und Geschäftspartnern. Am Donnerstag ist klar, dass dies für alle Italien-Heimkehrer gilt. Statt Hänge herunter zu sausen, telefoniere ich mit Geschäftspartnern und Kunden, storniere – nicht ohne verzweifeltes Kopfschütteln – Reiseplanungen und Termine für die nächsten zwei Wochen.

Am Donnerstag verschenken die ersten Schulklassen ihre Skipässe. Es wurde die sofortige Abreise zurück ins Heimatland angeordnet. Die Fallzahlen steigen. Unsere Reisegruppe wettet täglich, ob unsere Züge uns wieder nach Deutschland bringen.

Der Rückreisetag

Ein Zug der ÖBB (Symbolbild) | Foto: Erich Westendarp (via Pixabay)
Ein Zug der ÖBB (Symbolbild) | Foto: Erich Westendarp (via Pixabay)

Dann kommt der Rückreisetag. Gesundheitsminister Spahn beschwört Transportdienstleister, eigene Schutzmaßnahmen zu etablieren. Italien vermeidet das Chaos des Faschingsrückreiseverkehrs und wir dürfen zurück. Der italienische Busfahrer verweigert das Lösen von Tickets, da er kein Geld anfassen möchte. Der Schaffner verteilt nach Bedarf Desinfektionsmittel, in Österreich patrouilliert ein Trupp in paramilitärischer Schutzkleidung durch den Zug und reinigt regelmäßig Türklinken. Die Raspelspender der Drehseife in den ÖBB-Zügen sind prall gefüllt und mein subjektives Sicherheitsempfinden ist zufriedenstellend bedient. Einzig der deutsche Schaffner antwortet leicht genervt, dass seine Checkliste auf potentielle Corona-Fälle nicht handhabbar sei: Es gäbe Hinweise darauf, wie man erkältete Leute identifiziere, was mit diesen zu tun sei, bliebe jedoch offen.

Das Robert-Koch-Institut hat mittlerweile eine gute Orientierung für Reisende bereitgestellt, die auch das Bildungsministerium für Schulkinder in Baden-Württemberg konkretisiert hat. Noch im Zug können wir klar ableiten, dass unsere Kinder am Montag in die Schulen dürfen. Außer mir dürfen auch alle aus der Reisegruppe arbeiten.

Das älteste Kind (für welches der Urlaub leider ein grippaler Aufenthalt im Hotelbett war) startet den Montag unausgeschlafen und demonstrativ hüstelnd. Beim Versuch, ihn krank zu melden, verweist das Sekretariat routiniert auf die Pflicht eines ärztlichen Attestes am ersten Tag nach den Ferien. Mein verständnisloses Kopfschütteln formuliere ich auch verbal am Telefon, pralle jedoch nur auf ein „Das sind leider die Vorschriften“. Die Vorstellung überfüllter virengeschwängerter Kinderarztpraxen in der Grippe-Saison und panischer Italien-Rückkehrer taucht in meinem Kopf auf. Parallel dazu die Frage, wie ich das mit den anstehenden Telefonkonferenzen und der Technik zu Hause in Einklang bringen soll. Ich entscheide mich gegen den Virencocktail beim Kinderarzt und schreibe dem Kind den Hinweis ins Elternheft, dass eine Abholung jederzeit im Sinne der Eltern ist.

Südtirol wird zum Risikogebiet erklärt

Am Mittwoch dann erreicht mich mein Arbeitsrechner im Homeoffice, am Donnerstag die Nachricht, dass Südtirol nun in die Liste der Risikogebiete ergänzt wurde. Am Freitag lungern wir zu fünft zu Hause herum und kämpfen um die Slots für Telefonkonferenzen. Die Kinder nutzen die Gunst der Stunde, Spiel- und Handyzeiten auszuweiten. Sie lernen schnell, wie effektiv penetrantes Anquatschen von der Seite ist, wenn die Eltern die Kopfhörer aufhaben und Englisch sprechen.

Parallel klopft das Gewissen an. Das älteste Kind kam zwar fieberfrei zurück, lag allerdings die längste Zeit des Urlaubs mit einer Grippe im Bett. Die RKI-Guideline für medizinisches Personal sprach vor der Aufnahme von Südtirol in die Liste der Risikogebiete eindeutig gegen eine Testung solcher Kandidaten. Nach Aufnahme in die Liste mag das anders aussehen.

An der Corona-Hotline

Ich probiere die frisch eingerichtete Hotline der Stadt und erreiche nach einigen Minuten Warteschleife eine Dame, die mein Anliegen aufnimmt. Ihre Fragen sind klar darauf aus, nicht-berechtige Anfragen auszusortieren  – freundlich, aber konsequent. Ich beschreibe Fieberhistorie, Urlaubsort sowie die bestehenden  (wenn auch schwachen) Symptome der auslaufenden Erkältung von Kind und Familie. Und stelle klar, dass ich keinen Test will, sondern die Entscheidung abwälzen, ob dieser angeraten ist.

Die Dame notiert sämtliche Informationen, hält Rücksprache mit dem Gesundheitsamt, ruft binnen einer Stunde zurück und bittet das Kind zum Test. Mit einem Code versorgt werden wir zur Kontaktaufnahme mit der Kinderambulanz des Klinikums gebeten. Die diensthabende Ärztin am Telefon klingt nach Abklopfen der Krankheitshistorie nicht begeistert, kündigt eigene Kontaktaufnahme mit dem Gesundheitsamt an und gewährt uns danach zeitnah einen Termin.

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Abstrich im Klinikum

Wir laufen hinüber, werden schon vor der Tür mit Mundschutz versorgt und kontaktfrei in einen überheizten kleinen Raum verfrachtet, der ganz offensichtlich kurzfristig für diesen Zweck umfunktioniert wurde. Der Abstrich geht fix. Auf die Ärztin warten wir eine gefühlte Ewigkeit – Notfallambulanz eben.

Ein Mundschutz (Symbolbild) | Foto: M. Schülke
Ein Mundschutz (Symbolbild) | Foto: M. Schülke

Unsere Eskorte heraus ist filmreif: Die Ärztin schreitet straffen Schrittes voran, wir mit unseren Mundschutzen hinterher. Immer dann, wenn Menschen die Flure passieren, werden wir mit dominanter Handzeigung gebremst, um dann einige Meter weiter und näher zum Ausgang zu kommen. Die letzte Hürde sind die Raucher vor der Tür der Kinderambulanz (!). Auch sie könnten durch uns gefährdet werden und müssen weichen. Als sie weg sind, dürfen wir hinaus in die Freiheit. Unser Kind behält den Mundschutz demonstrativ auf und genießt die Blicke auf dem Weg nach Hause. Sensationslüstern wird es berichten, dass mindestens ein Passant die Straßenseite wechselte, den Mundschutz als Trophäe im Handgelenk schwenkend.

Den Satz der Ärztin: “Bis zum Erhalt der Ergebnisse wäre es schön, wenn sie zu Hause bleiben. Also, das ist jetzt als Anordnung zu verstehen!” befolgen wir. Das Testergebnis ist 24 Stunden später telefonisch prompt abfragbar. Entwarnung, zum Glück.

Redundante Kontakte

Der Begriff „redundante Kontakte“ greift auf einen Kommentar des Berliner Chef-Virologens Christian Drosten im NDR-Podcast „Coronavirus Update“ zurück. Er verweist in einer der Folgen darauf, dass Schulkinder, die während der Schulschließung in festen Runden zu Hause „daddeln“, ein geringes Risiko zur Weitergabe der Infektion darstellen, da die Kontaktpersonen unter sich bleiben. Auch unsere Corona-Quarantänegruppe versteht sich als eine solche redundante Gruppe und minimiert die Außenkontakte so weit wie möglich.

Redundante Kontakte* in der Quarantänegruppe

Unsere Südtiroler Reisegruppe hat mittlerweile einen ganz eigenen Teamgeist und seine Gruppendynamik entwickelt. 10 Familien größtenteils aus der Neckarstadt, von denen die meisten einen Spagat betreiben müssen: Kinder zu Hause, Heimbeschulung, Eltern im Homeoffice, Essen kochen, Vorräte heranschaffen, Kinder irgendwie bei Laune halten und selbst schauen, wie man Job und Ausnahmezustand zusammenbringt. Da hilft man sich untereinander, tauscht Testergebnisse aus und legt die Kinder mal hier, mal da zusammen. Längst kennen wir die kinderarmen Orte des Stadtteils, jeder die Wohnzimmer und Küchen der anderen Familien und wir haben Nudel- und Weinvorräte sämtlicher Vorratskammern geplündert. Unsere rottenhafte Solidarisierung ist darüber hinaus eine Überlebensstrategie. Während unsere soziale Isolation ein gesellschaftlich sinnvoller Beitrag ist, um Corona-Infektionen zu minimieren und Schlimmeres für die Gesundheit der gesamten Bevölkerung abzuwehren, keimt ein neues Risiko im mikro-gesellschaftlichen Bereich: Mit den Liebsten viel Zeit am Stück zu verbringen mag im Urlaub erträglich sein. Kaserniert im eigenen Heim kommt dies einer Zerreißprobe nahe. Ich bin weder Lehrer noch pädagogisch befähigt für Heimbeschulung. Meine Kinder sind ohne Sport, Schule und durch Hörspiel-Dauerbeschallung allmählich Zombies und auch wir Eltern ertragen es nicht ohne emotionale Spannungen, sieben Tage die Woche 24 Stunden miteinander zu verbringen. Mir geht durch den Kopf, dass Studien angestoßen werden sollten, die Kollateralschäden im häuslichen Umfeld durch aktuelle Quarantänemaßnahmen zu untersuchen. Irgendwo höre ich, dass erste Statistiken einen Anstieg der Scheidungsrate in China vermelden. Nun, noch drücken wir lieber die Daumen, dass der Spuk möglichst bald vorbei ist. Die Realität hat uns allerdings demonstriert, dass wir gerade erst am Anfang stehen.

Heute sind wir diejenigen, die einen Zwei-Wochen-Erfahrungsvorsprung vor dem Rest der Neckarstadt haben. Diejenigen, die sich im Ausnahmezustand schon eingerichtet und ihre Routinen gefunden haben.

Veränderter Alltag

Den Zeitungskommentar mit den Hamsterkäufen, den ich anfangs noch belächelte, quittiere ich mittlerweile mit einem zerknirschten Gesichtsausdruck. Schon mal eine Woche lang jeden Tag ein schnelles Mittagessen gekocht, statt auf Kantinen und Schulküchen zurückzugeifen? Und mir war in der Tat unvorstellbar, wie der Klopapierverbrauch steigt, wenn sämtliche Geschäfte plötzlich im eigenen Zuhause verrichtet werden. Gestern erwischte ich mich beim Gedanken, meiner Familie Tipps für einen sparsamen Gebrauch dieses kostbaren Verbrauchsartikels angedeihen zu lassen. Stattdessen griff ich in die Weinkiste und beschloss, zum abendlichen Treffen der Quarantänegruppe einen stimmungserhellenden Beitrag mitzubringen.

Mittlerweile vermeldet unsere Südtirol-Reisegruppe aus allen Ecken negative Testergebnisse. Bald scheint die Hälfte einem Test zugeführt worden zu sein. Das System filtert uns also und wir scheinen glimpflich davon gekommen zu sein. Alles in allem bleibt der Eindruck, dass trotz mangelnder Vorbereitung fast alle Beteiligten souverän und klug mit der Situation umgehen: Arbeitgeber und Schulen reagieren und informieren prompt, Stadt und Gesundheitsamt sind erreichbar und verbindlich, Gesundheitsdienstleister erbringen ihren Anteil professionell, im Supermarkt um die Ecke sind (wirklich) überlebenswichtige Lebensmittel in ausreichender Menge zu beziehen. Die Lehrer*innen meiner Kinder kontaktierten uns, um den Kindern Aufgaben für zuhause zukommen zu lassen.

Hamsterkäufe helfen niemandem (Symbolbild) | Foto: Jasmin Sessler (via Pixabay)
Hamsterkäufe helfen niemandem (Symbolbild) | Foto: Jasmin Sessler (via Pixabay)

Ich denke in Momenten wie diesen an meine eigene 85-jährige Großmutter, die schon seit Erreichen des Rentenalters gebetsmühlenartig jährlich zur Grippezeit wiederholt: „Ich verlasse nur das Haus, wenn ich unbedingt was zu essen einkaufen muss. Ansonsten warte ich mit Arztbesuchen und Ausflügen, bis das Wetter besser wird. Und ihr bleibt mir bitte auch weg, wenn jemand hustet. In meinem Alter brauche ich das nicht.“

Appell für die kommenden Wochen

Also, liebe Eltern: Vertraut auf Euren gesunden Menschenverstand statt dem panischen Griff zur Dosensuppe. Organisiert und solidarisiert Euch für die lange ungewohnte Phase, die jetzt vor Euch liegt. Eine feste Gruppe von Spielfreunden und sozialen Kontakten schafft Normalität für diese Zeit bei redundanten Kontakten*. Sie hat gutes Potential, den Eintrittszeitpunkt des Lagerkollers zu strecken. Überlegt, wer in Eurem Umfeld das leisten könnte und fangt nicht erst damit an, wenn die Stimmung schon am Anschlag ist. Über diese wenigen redundanten Kontakte hinaus, solltet Ihr natürlich die sonstigen Kontakte möglichst gegen Null herunterschrauben.

Abschließend noch ein Tipp von Oma für den Fall, dass das Klopapier zur Neige geht: Alte Zeitung zerteilen und vor (!) der Benutzung mit den Händen das zugeschnittene Zeitungspapier hin- und herknüllen und -rütteln. Das macht es weich und saugfähig und erfüllt seinen Zweck.

Gute Hintergrundinformationen im Corona-Podcast des NDR

Gute Hintergrundinformationen zur Corona-Pandemie gibt es im täglichen NDR-Podcast „Coronavirus Update“ mit Prof. Christian Drosten. Der Chef-Virologe der Charite schafft Bewusstsein für ein eigenes sinnvolles Verhalten und läßt besser verstehen, was aktuell um uns herum passiert und warum dieses sinnvoll ist.


Der Autor des Berichts ist der Redaktion namentlich bekannt.

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