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Tom Bocks Turley-Traum vor der Zwangsversteigerung

Kurz vor dem erneuten Ausverkauf Turleys zeigen Recherchen nun, dass dort Geld aus einem der größten Betrugsfälle weltweit (1MDB) investiert wurde.

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Am 24. September 2022 lädt die MWS Projektgesellschaft mbH (MWSP) zum vierten Turley-Fest ein. Von 14 bis 19 Uhr wird auf dem ehemaligen Turley Kasernengelände ein buntes Programm geboten und gefeiert. Die MWSP selbst bietet neben Kinderschminken auch Führungen über die Fläche an. Eine gute Gelegenheit, wie es in der Einladung der MWSP heißt, sich davon zu überzeugen, wie sehr sich Turley entwickelt hat.

Vielen ist nicht zum Feiern

Das klingt für einige auf Turley nach blankem Hohn: Denn in vielen Punkten hat sich Turley nicht entwickelt. Zehn Jahre nach dem Verkauf an den Investor Tom Bock ist Turley noch immer eine Großbaustelle und auf vielen Bauprojekten tut sich seit Jahren schon gar nichts mehr, die Natur erobert sich langsam so manche Bauruine wieder zurück.

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Die sieben Objekte auf Turley, die im Oktober 2022 zwangsversteigert werden | Screenshot: immobilienpool.de

Dass vielen auf Turley nicht zum Feiern ist, hat aber andere Gründe: Denn drei Wochen nach dem Turley-Fest kommt es zum Show-Down, dann wird halb Turley zwangsversteigert. Sieben der ehemals elf von Tom Bock erworbenen Immobilien und Grundstücke auf Turley mit einem Verkehrswert von etwa 22 Millionen Euro werden ausgerufen und finden dann vielleicht einen neuen (oder alten) Besitzer.

Unsicherheit bei den Bewohnern*innen und Betrieben auf Turley

„Wir wissen nicht, wie es weitergeht“, sagt Petra Klimes, die auf Turley mit „movements“ angesiedelt ist. Ihre Ballett- und Tanzschule war eine der ersten von Tom Bock fertiggestellten Projekte auf Turley. „Der Gedanke und Plan war super für Mannheim“, erzählt sie von den Anfängen auf Turley, „das hatte Drive!“ Es sei eine große Chance gewesen, wie sie sagt, die ehemalige Kaserne mit neuem Leben zu füllen.

„Es ist bedauerlich, wie es sich entwickelt hat“, so Klimes rückblickend. Sie steht mit ihrer Meinung nicht alleine da, so denken auch ihre Nachbar*innen und alle anderen betroffenen Bewohner*innen und Mieter*innen. Denn viele von Tom Bocks Firmen sind mittlerweile insolvent, die MWSP hat längst alle Verträge mit ihm gekündigt. Am 13. Oktober 2022 um 8:30 Uhr, fast auf den Tag genau zehn Jahre nachdem Tom Bock die ersten Objekte von der MWSP übernommen hatte, kommt es nun im Kulturhaus Käfertal zur Zwangsversteigerung.

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Es ist auffällig viel Geld da

Am 12. Oktober 2012 kaufte Tom Bock elf der 14 unter Denkmalschutz stehenden Kasernengebäude auf Turley sowie noch 12.700 Quadratmeter Wohnbaufläche (Baufeld IV) von der MWSP. Tom Bock plante mit einem Investitionsvolumen vom 100 Millionen Euro. „Tom Bock passt in das Gesamtkonzept“, prahlte Konrad Hummel, damals Geschäftsführer der MWSP und zugleich städtische Konversionsbeauftragter der Stadt Mannheim.

Woher die Gelder kamen, mit denen Tom Bock nicht nur die Grundstücks- und Immobilienkäufe in Mannheim sowie auch die geplanten Investitionen finanzierte, hinterfragte die MWSP offenbar nicht: Es waren unter anderem auch veruntreute Gelder, mit denen Tom Bock sich Turley kaufte, das zeigen vorliegende Dokumente. Eine Spur führt über die Schweiz und die Vereinigten Arabischen Emirate nach Malaysia.

Staatsfonds 1MDB büßt 11 Milliarden US-Dollar ein

In Tom Bocks undurchsichtigen Firmengeflecht taucht unter anderem auch Suaad A. Al Attas aus den Vereinigten Arabischen Emiraten auf. Sie ist die ehemalige Ehefrau von Mohamed Ahmed Badawy Al-Husseiny, einem der Hauptakteure im 1Malaysia Development Berhad-Skandal (1MDB). Das ist eines der größten Finanzskandale der Welt, bei dem etwa 4,5 Milliarden US-Dollar unterschlagen und der malaysische Staatsfonds 1MDB Schulden in Höhe von 7,8 Milliarden US-Dollar anhäufte: Insgesamt büßte der Fonds 11 Millarden US-Dollar ein.

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Unterlagen des US-Justizministeriums zeigen die Spur des Geldes bis auf ein deutsches Konto Al Attas‘ | Quelle: justice.gov

Al-Husseiny ist kein Unbekannter: Als Investor beim Fußballverein TSV 1860 München sorgte er 2011 für Schlagzeilen. In Abu Dhabi ist er Chief Executive Officer & Board Member bei der Investmentgesellschaft AABAR, die ab 2015 in den Focus der Ermittlungen mit dem 1MDB-Skandal gerät. Al-Husseiny soll zusammen mit seinem Geschäftspartner Khadem Abdulla al-Qubaisi etwa 1,367 Milliarden US-Dollar von 1MDB abgezweigt haben.

Davon sollen knappe 40 Millionen US-Dollar auf das Konto von Al-Husseinys Ex-Frau Al Attas gegangen sein, die die Gelder dann auf zahlreiche von ihr und ihrem Mann kontrollierte Konten verteilte. So sind 2013 und 2014 mehr als 22 Millionen US-Dollar auch auf Al Attas‘ deutsches Konto bei der Frankfurter BHF-Bank transferiert worden.

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In einer Vollmacht wird Al Attas‘ Millionendarlehen für Soho Turley explizit aufgeführt | Quelle: Handelsregister

Tom Bock bedient sich an unterschlagenem Geld

Bereits 2013 wird Al Attas Gesellschafterin in Tom Bocks Firmenimperium, sie beteiligt sich einerseits über eine Kapitalerhöhung mit 30.000 Euro. Ferner stellt sie ein Darlehen von knapp 5,5 Millionen Euro zur Verfügung, das für Soho Turley in Mannheim verwendet werden soll, wie interne Dokumente aus der Schweiz belegen.

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Ausgestattet mit frischem Geld bot Tom Bock bereits 2013 an, ebenfalls das Baufeld V zu entwickeln. Basierend auf der Vertragsgestaltung seiner Käufe von 2012 erwirbt Tom Bock im Jahre 2015 dann von der MWSP zusätzlich noch das Baufeld V auf Turley. Es ist naheliegend, dass ein Teil der Mittel für den Kauf aus unterschlagenen Geldern aus dem 1MDB-Skandal stammt, die in Mannheim reinvestiert wurden.

In Malaysia fliegt der Skandal auf und in Mannheim wird das Geld knapp

2015 fliegt aber auch der 1MDB-Skandal auf, es werden danach immer mehr Details bekannt. Ab September 2015 gibt es auch internationale Ermittlungen, etwa in der Schweiz: Der dortige Generalstaatsanwalt geht von vier Milliarden vom Staatsfonds gestohlenen US-Dollar aus, die in der Schweiz landeten. Es laufen Ermittlungen gegen Beamte aus den Vereinigten Arabischen Emiraten, so die damalige Meldung.

Im April 2016 weiten die Schweizer Behörden ihre Ermittlungen gegen zwei ehemalige Offizielle in den Vereinigten Arabischen Emiraten aus, erstmalig werden auch konkrete Details genannt. Demnach dürfte es sich bei den genannten Offiziellen um Al-Qubaisi und Al-Husseiny gehandelt haben. 2019 jedenfalls werden Al-Qubaisi und Al-Husseiny zu 15 respektive zehn Jahren Gefängnis verurteilt.

Wie sich die anfänglichen Ermittlungen von 2016 auf Al-Attas und ihre bei Tom Bock investierten Gelder auswirken, ist nicht bekannt. Diese können von ihr zurückgefordert oder auch beschlagnahmt worden sein. Offenbar wurde ab 2016, spätestens 2017, bei Tom Bock das Geld knapp. Bei Banken scheint Bock offenbar kein frisches Geld mehr bekommen zu haben. Denn schon 2017 versucht Tom Bock mit dem eher ungewöhnlichem Weg über ein Crowdinvestment mittels privater Anleihe kurzfristig an frisches Geld heranzukommen. Die Anleihe sollte ein Jahr laufen.

Einstellung der Bautätigkeit, Insolvenz und Zwangsversteigerung

Seit 2018 tut sich nichts mehr auf den Baustellen. Schon im Dezember 2018 beschäftigt sich die MWSP mit dem Stilstand auf Turley, doch viel tun kann sie nicht. Noch hat Tom Bock das Sagen auf Turley: Im März 2019 wird öffentlich bekannt, dass Bock die für angeblich sechs Millionen Euro erworbenen Baufelder IV und V bereits im September 2018 für offenbar 36 Millionen Euro veräußert haben soll.

Im Juni 2019 reagiert die MWSP und zieht die Reißleine: Wegen Leistungsstörung auf Turley tritt sie von allen Verträgen mit Tom Bock und seinen Firmen zurück. Per einstweiliger Verfügung hat die MWSP zudem den Widerspruch zum Vollzug der Kaufverträge ins Grundbuch eintragen lassen um auch weiterhin Turley wie geplant entwickeln zu können. Ein halbes Jahr später bricht das Firmengeflecht des Tom Bock teilweise zusammen, viele seiner Unternehmen melden Insolvenz an, es kommt zu den ersten Zwangsversteigerungen.

MWSP und Tom Bock sind beide noch aktiv auf Turley

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Ein Briefkasten an der ehemaligen Kapelle auf Turley weist auf 17 angesiedelte Firmen hin | Foto: Manuel Schülke

Der Widerspruch im Grundbuch hat offenbar nicht gewirkt, 2022 jedenfalls kommen sieben der vormals elf Immobilien in die Zwangsversteigerung. Es könnte ein Neuanfang sein und vielleicht das vorletzte Kapitel auf Turley, je nachdem, wer was kauft. „Stand heute können wir keine Aussage zu einem Rückkauf tätigen“, heißt es auf Anfrage an die MWSP zu möglichen Ambitionen bei der Zwangsversteigerung.

Die MWSP spricht aber auch von Verantwortung gegenüber den Be- und Anwohnern sowie der Stadtgesellschaft und der Stadt Mannheim. „Unsere Aufgabe und klares Ziel ist es, Turley vollständig zu entwickeln.“ Das ist bei der MWSP nun schon seit zehn Jahren Programm, in denen zwar viel passiert ist, aber Turley noch immer eine Baustelle mit vielen Visionen geblieben ist.

Und vielleicht auch noch lange bleiben wird: Weder die MWSP-Projekte wie Casino oder Tiefgarage sind auch nur ansatzweise im Entstehen. Auch Tom Bock ist noch immer präsent auf Turley. An der ehemaligen Kapelle hängt ein Briefkasten für 17 Firmen, die dem Imperium des Tom Bock gehören. Zudem sind auch noch einige Immobilien, die Tom Bock 2012 kaufte, nicht Teil der Zwangsversteigerung. Diese Objekte dürften wohl noch einige Zeit als Bauruine auf Turley herumstehen.

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Jeder Schritt: Kein Treffer. Das gilt für Turley. Während das Casino links hinten seit Jahren nicht weiter entwickelt wird, ist das große Wohnhaus im Hintergrund fertig. Das wird nun aber zwangsversteigert. Und die Tiefgarage, die einst unter dem Platz davor entstehen sollte, ist nicht mal begonnen | Foto: Dieter Leder

Und dort, wo seit einem Jahr die Tiefgarage gebaut werden soll (und noch immer nicht gebaut wird), steht ein Plakat mit einer recht guten Beschreibung der Situation: „Jeder Schritt: Kein Treffer.“ Das könnte auch für die Zwangsversteigerungen im Oktober gelten: Vielleicht gibt es ja kein Gebot.

Quellen: immobilienpool.de, Handelsregister, U.S. Department of Justice, eigene Recherchen

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