Nur knapp 150 nationalistische Türken auf dem Alten Messplatz

Die Teilnehmerzahl türkischer Nationalisten auf dem Alten Messplatz blieb deutlich unter den Erwartungen der starken Polizeikräfte.

Am Sonntag, 29. Oktober gab es zwei Kundgebungen. Eine fand auf dem Alten Messplatz statt und war eine Versammlung türkischer Nationalisten. Die andere fand am Mannheimer Schloss statt und war eine Gegenveranstaltung von HDK-A (Demokratischer Kongress der Völker – Deutschland), dem Bund der demokratischen Föderation MA und OAT (Offenes Antifaschistisches Treffen Mannheim). Die Polizei gab die Zahl der TeilnehmerInnen für die erstere Veranstaltung mit 150 an, für die Zweitere mit 120 an und dürfte mit diesen Zahlen in etwa richtig liegen.

Antifaschistische Aktivisten hatten es geschafft, ein Transparent in türkischer und deutscher Sprache in Sichtweite der Kundgebung zu platzieren | Foto: Lesereinsendung
Antifaschistische Aktivisten hatten es geschafft, ein Transparent in türkischer und deutscher Sprache in Sichtweite der Kundgebung zu platzieren | Foto: Lesereinsendung

Die Gegenkundgebung durfte nach den Auflagen der Stadt Mannheim nicht in der näheren Umgebung des Veranstaltungsortes der türkischen Nationalisten stattfinden, da sonst Auseinandersetzungen zu befürchten seien.

Die Polizei war mit wohl mehreren hundert Polizisten nicht nur an den Veranstaltungsorten, sondern auch in der Mannheimer Innenstadt mit Einsatzwagen präsent. Die Polizeistärke mag ob der Zahl der Demonstranten weit überzogen erscheinen. Offensichtlich hatte die Polizei mit wesentlich mehr Teilnehmern gerechnet und wollte für alles gewappnet sein.

Die Polizei zeigte starke Präsenz | Foto: Christian Ratz
Die Polizei zeigte starke Präsenz | Foto: Christian Ratz

Mit zu dieser Fehleinschätzung trugen letztlich auch die übertriebenen Ankündigungen der türkischen Nationalisten bei, die bei Facebook von mindestens 1.000 TeilnehmerInnen ausgingen. Gekommen waren aber höchstens 150, die meisten davon stammten nicht aus Mannheim, sondern von außerhalb, erklärte ein Szenekenner.

Zwei mal drei macht vier, widdewiddewitt und drei macht neune…

Die Veranstalter „korrigierten“ die Zahlen anschließend offensichtlich nach oben. So heißt es bei Turkish Press, rund 1.000 Türken seien einem Aufruf einer türkischstämmigen Frau gefolgt, die im sozialen Netzwerk Facebook eine Solidaritätskundgebung für die Türkei in Mannheim angemeldet habe. Kurzfristig habe auch das „Social-Media Phänomen“ Bilgili Üretmen seine Teilnahme angekündigt. Und weiter:

Unter dem Motto „Solidarität mit der Türkei“ kamen Türken und Türkischstämmige zusammen, um am türkischen Nationalfeiertag, dem Tag an dem die türkische Republik ausgerufen wurde, den Märtyrern zu gedenken und der Türkei in „diesen schweren Zeiten“ beizustehen. Im Aufruf dazu hieß es: „Wir möchten unseren Märtyrer gedenken und der Türkei in dieser schweren Zeit beistehen. Wenn auch Du ihr beistehen möchtest, nimm Deine Flagge und sei am Sonntag dabei!“ (Turkish Press, 29.10.2017)

Der besagte Üretmen hat beste Beziehungen zu Erdoğan und ist so etwas wie der Video-Blogger der AKP in Deutschland.

Bilgili Üretmen | Foto: Christian Ratz
Bilgili Üretmen | Foto: Christian Ratz

Der Norddeutsche Rundfunk schreibt über ihn:

Er wünscht sich, dass der “Welt“-Journalist Deniz Yücel „im Knast verrecken“ möge, beleidigt Politiker wie Cem Özdemir und Sevim Dagdelen auf das Übelste, nennt die deutschen Medien „Hetzpresse“, bemüht immer Nazi-Vergleiche: Der deutsch-türkische Video-Blogger Bilgili Üretmen.

Menschenverachtende Rhetorik und rechte Gesten

So ähnlich hat er sich auch auf dem Alten Messplatz geäußert. „Den Terroristen der PKK“ wünschte er zusätzlich eine Kugel in den Kopf, das sei die einzige Sprache, die sie verstünden.

Außer Üretmen sprach noch ein Funktionär der Grauen Wölfe. Neben diesen beiden waren noch martialische Gestalten der „Osmanen Germania“ zu sehen, einer rechten, nationalistischen, türkischen Schlägertruppe (Anm. d. Red.: Im Juni 2017 wurden bei einer Razzia fünf Mitglieder der Rockergruppe festgenommen. Bei vorigen Razzien suchten die Strafverfolgungsbehörden nach Schusswaffen und Munition, im März 2017  gab es Durchsuchungen auf Grundlage eines Ermittlungsverfahrens wegen Geldwäsche, Urkundenfälschung, Erpressung und Verstoßes gegen das Betäubungsmittelgesetz).

Die türkischen Nationalisten ließen ihre Muskeln spielen | Foto: Christian Ratz
Die türkischen Nationalisten ließen ihre Muskeln spielen | Foto: Christian Ratz

Die Zahl der TeilnehmerInnen blieb zwar mit 150 erheblich unter den Erwartungen der Veranstalter, dafür war das Meer der Fahnen der türkischen Flagge und jener der Grauen Wölfe umso größer und unübersehbar.

Im Vergleich hierzu war die Kundgebung der Gegendemonstranten auf dem Vorplatz des Mannheimer Schlosses bescheiden und keinesfalls so aggressiv aufgeladen wie die Kundgebung auf dem Alten Messplatz. Die meisten Menschen waren kurdischer und türkischer Herkunft. Es wurden Reden auf Türkisch und Deutsch gehalten. Von deutscher Seite sprachen ein Aktivist der Antifa, Roland Schuster (Anm. d. Red.: Der Autor dieses Berichts) von den Mannheimer Linken und Gökay Akbulut, Mannheimer Bundestagsabgeordnete der LINKEN.

Die Gegenveranstaltung fand aufgrund behördlicher Auflagen weit entfernt auf dem Vorplatz des Mannheimer Schlosses statt | Foto: Emrah Durkal
Die Gegenveranstaltung fand aufgrund behördlicher Auflagen weit entfernt auf dem Vorplatz des Mannheimer Schlosses statt | Foto: Emrah Durkal

Zu den inhaltlichen Zielen der Gegenveranstaltung hieß es im Aufruf:

Kommenden Sonntag (29.10.) planen türkische Nationalisten eine Kundgebung auf dem Alten Messplatz in Mannheim. Unter dem Motto „Solidarität mit der Türkei“ wollen sie sich mit Erdoğan und seiner AKP solidarisieren. Nicht erst seit dem Putschversuch im Juli 2016 folgt in der Türkei eine Verhaftungswelle auf die nächste, mittlerweile sitzen zehntausende Oppositionelle und Regierungsgegner in den türkischen Knästen. Gleichzeitig zerschlägt die AKP jegliche parlamentarische und außerparlamentarische Opposition und führt Krieg gegen die kurdische Selbstverwaltung im Osten der Türkei. Doch für die deutsche Regierung ist die Türkei traditionell ein enger Verbündeter auf den sie auch im Kampf gegen Flüchtlingsbewegungen nicht mehr verzichten möchte. Wir sagen : Schluss mit dem türkischen Staatsterrorismus, Schluss mit dem Krieg gegen die kurdische Bevölkerung und vor allem Schluss mit den schmutzigen Deals zwischen Deutschland und der Türkei.

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Dieser Artikel erschien zunächst bei Kommunalinfo Mannheim.

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