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Stadtentwicklung

Wie viel „Bike“ steckt eigentlich in „Monnem“? (mit Bildergalerie)

Sind wir Auto- oder Fahrradstadt? Unser Autor hinterfragt kritisch, wie viel tatsächlich für Radfahrende in Mannheim getan wird.

Keine Berühungsängste: Der Oberbürgermeister Peter Kurz beim Festival "Monnem Bike" | Foto: Thomas Tröster / Stadt Mannheim
Keine Berühungsängste: Der Oberbürgermeister Peter Kurz beim Festival „Monnem Bike“ | Foto: Thomas Tröster / Stadt Mannheim

An Öffentlichkeitsarbeit mangelt es dem Thema „Fahrrad“ wirklich nicht. Gerade am vorletzten Juni- Wochenende fand wieder das Festival „Monnem Bike“ statt, das an die Erfindung des Laufrads von Karl Drais vor mittlerweile 202 Jahren erinnert: „In Mannheim lernten die Räder laufen“. Tausende kamen und bestaunten zahlreiche Aktionen, Stände und Aufführungen – beste Werbung für die nicht-motorisierten Zweiräder. Ganze Straßen wurden für den Autoverkehr gesperrt und auch die jährliche Radparade, eine große Fahrraddemo, in diesem Jahr unter dem Motto „Mehr Platz fürs Rad“, fuhr am Nachmittag los, nach Ludwigshafen und wieder zurück.

Doch vom 22. Juni gibt es auch traurige Nachrichten. So gab es vergangene Woche gleich zwei schwere Unfälle, bei denen Kraftfahrzeuge Fahrradfahrer erfassten, einer geschah am Samstag der Radparade. Ist Mannheim also wirklich fahrradfreundlich oder gibt es immer noch zu viele Gefahren und Hindernisse, die den nicht-motorisierten Verkehrsteilnehmer*innen das Leben schwer machen?

Schwere Unfälle überschatteten die Woche des Fahrrad-Festivals

Verkehrssicherung während der Radparade | Foto: CKI
Verkehrssicherung während der Radparade | Foto: CKI

Da ich selbst überzeugter Fahrradfahrer bin, wollte ich zumindest an der Radparade teilnehmen, immerhin die größte jährliche Fahrraddemo in der Region. Ich war spät dran am Samstagnachmittag und wurde in der Friedrich-Ebert-Straße von Einsatzwagen mit Blaulicht und Sirene abgelenkt. Trotz interessierter Blicke konnte ich nicht erkennen, was los war. Später, nach der Demo, musste ich es aus der Pressemeldung der Polizei erfahren: Ein junger BMW-Fahrer war offenbar bei Rot über eine Querung für Fußgänger*innen und Radfahrer*innen gefahren und hatte einen 33-jährigen auf dem Rad voll erwischt. Dieser erlitt lebensgefährliche Verletzungen. Seine Frau erlitt einen Schock. Sie fuhr wohl hinter ihm her und muss den furchtbaren Unfall aus nächster Nähe erlebt haben. Meine gute Stimmung, die ich von der Radparade mit über tausend Teilnehmer*innen mitgenommen hatte, wich Betroffenheit und Wut. Ich fahre selbst häufig über diese nervige Querung, an der man als Fußgänger*in oder Radfahrer*in gleich mehrmals Rot hat (bis zu fünf mal nur zur Überquerung einer Straße!) und nicht selten sind mir die mit überhöhter Geschwindigkeit vorbei rauschenden Autos aufgefallen. Es bleibt ein bedrückendes Gefühlt. Ich hätte auch das Opfer sein können.

Es war nicht der einzige schlimme Unfall in dieser Woche. Am Dienstag, nur wenige Tage davor, erwischte ein rechts abbiegender LKW mit Anhänger einen 34-jährigen Fahrradfahrer im Stadtteil Friedrichsfeld, der auf dem Radweg ich gleicher Richtung fuhr. Der Mann wurde überrollt und erlitt tödliche Verletzungen. Der LKW hatte ihn vermutlich einfach nicht gesehen.

Eigentlich gelten Straßen, wie die Elsa-Brandström-Straße in Friedrichsfeld, mit fahrbahnnahem Radfahrstreifen und ausschließlich Ziel- und Quellverkehr, als sicher, meint Gerd Hüttmann vom ADFC Mannheim.

„Da selbst baulich sichere Straßen den Fehlerfaktor Mensch nicht eliminieren können, fordert der ADFC schon seit einigen Jahren zur Vermeidung derartiger Unfälle die verbindliche Ausrüstung mit LKW-Assistenz-Systemen.“
— Gerd Hüttmann (ADFC Mannheim)

Zunahme um 19,1 Prozent bei der polizeilichen Unfallstatistik

"Monnem Bike" (Archivbild 2017) | Foto: CKI
„Monnem Bike“ (Archivbild 2017) | Foto: CKI

Die Polizei hat Verkehrsunfälle genau im Blick und erfasst sie detailliert in ihrer Statistik. „Die Thematik ‚Radfahrer‘ ist bei der Verkehrsüberwachung in diesem Jahr in Mannheim ein Schwerpunktthema, basierend auf der negativen Unfallentwicklung 2018“, erklärt ein Polizeisprecher. Tatsächlich weist die polizeiliche Unfallstatistik 2018 eine Zunahme der Fahrradunfälle um 19,1 Prozent auf, bei denen mit geschädigten Personen sind es sogar 22,1 Prozent.

Das bedeutet nicht automatisch eine allgemeine Verschlechterung der Sicherheitslage. Auch erhöhtes Radfahreraufkommen kann eine Ursache sein, dazu käme es, dass immer mehr ältere Menschen das Fahrrad als Fortbewegungsmittel nutzen. „Und die Pedelecs sind ein Risikofaktor. Da bräuchte es Fahrtrainings“, meint der Polizeisprecher. Jedenfalls ist die Polizei alarmiert und hat verschiedene Maßnahmen zur Verbesserung der Verkehrssicherheit gestartet. „In den ersten 5 Monaten diesen Jahres hat sich die Entwicklung insgesamt positiv entwickelt, auch wenn noch erhebliches Steigerungspotenzial besteht“, kommentiert er das laufende Jahr 2019.

Verkehrsunfälle mit Beteiligung von Radfahrer*innen im Stadtgebiet Mannheim
2014 2015 2016 2017 2018 2019*
Verkehrsunfälle Radfahrer
362 358 394 376 448 97
Leichtverletzte
220 250 254

247

291 30
Schwerverletzte

40

46

48

37

54

0

Tote
0 0 0 0 2 1
Quelle der Statistik: Polizeipräsidium Mannheim / * 2019: Stand Mai

Bisher nicht erfasst ist der Unfall in Friedrichsfeld im Juni, so dass 2019 schon im ersten Halbjahr die bittere Zahl von zwei Todesopfern zu beklagen ist. Man müsste bei den Zahlen 2019 auch bedenken, dass wegen der kalten Jahreszeit die meisten Unfälle im zweiten Halbjahr passierten. Zur Entwarnung gibt es also noch keinen Anlass.

Die Statistik gibt weitere wichtige Erkenntnisse. Bei 70 Prozent aller Fahrradunfälle 2018 war ein Pkw beteiligt (zum Vergleich: anderes Rad: 4 Prozent, Fußgänger: 5 Prozent, alleine: 13 Prozent, Sonstige: 8 Prozent).

Als häufigste Unfallursachen in Verantwortung der Radfahrer*innen nennt die Polizei Fehler beim Einfahren in den fließenden Verkehr, den Abstand, die verbotswidrige Benutzung der Fahrbahn und die Vorfahrtsregeln. Auch Stöpsel im Ohr, Handy in der Hand und fehlendes Licht werden als Risikofaktoren aufgeführt.

Die häufigsten Unfallursachen der Kraftfahrzeugführer*innen seien Missachtung der Vorfahrtsregeln, Abbiegen, Fehler beim Einfahren in den fließenden Verkehr sowie Ein- und Aussteigen, hierunter fällt vermutlich die bekannte Gefahr der plötzlich öffnenden Autotür zur Fahrbahn.

„Fünf Minuten mehr für die Sicherheit“

In Zusammenarbeit mit der Straßenverkehrsbehörde ist die Polizei an Präventionsmaßnahmen zur Vermeidung von Unfällen beteiligt. Sollte sich durch die Statistik ein Hinweis auf einen Unfallschwerpunkt ergeben, würden Maßnahmen ergriffen, wie eine auffällige Rotmarkierung der Radwege oder das Aufstellen eines Warnhinweises. So sei zum Beispiel in der Neckarauer Straße vorgegangen worden, die wegen starken Pkw-Verkehrs, Radwegen in schlechtem Zustand und vieler Querstraßen und Hausausfahrten ein Unfallschwerpunkt war.

Die Polizei verweist auf ihre Aktion „Plus 5“, die sie als Kooperationsprojekt u.a. mit der Stadt Heidelberg ins Leben gerufen hat. Der Appell: Fünf Minuten mehr für die Fahrstrecke einplanen, Verkehrsregeln einhalten und damit entspannter und sicherer ankommen. Allerdings richtet sich der Appell ausschließlich an Radfahrer*innen. Zwar werden auch Risiken angesprochen, die vom motorisierten Verkehr ausgehen. Eine vergleichbare Aktion, die gezielt Kraftfahrer*innen anspricht, gibt es bisher nicht – vielleicht ein sinnvolles Update, denn nach Heidelberg soll die Aktion „Plus 5“ auch in Mannheim als Präventionsprojekt eingesetzt werden.

Grüne Ideen für eine Fahrradstadt

Die Grünen Angela Wendt und Gerhard Fontagnier | Foto: CKI
Die Grünen Angela Wendt und Gerhard Fontagnier | Foto: CKI

Leben wir in einer fahrradfreundlichen Stadt oder beherrschen weiterhin die motorisierten Blechlawinen die Verkehrsadern? In den letzten Jahren ist viel passiert. Vor allen in der Zeit vor dem 200. Jubiläum hat sich die Geburtsstadt des Fahrrads viel Mühe gegeben (was teilweise daneben ging). Es wurden Radwege ausgebaut, Sicherheit verbessert und eine anhaltende Imagekampagne gestartet. Grundlage der Veränderungen ist ein 2009 veröffentlichtes Positionspapier „21-Punkte-Programm für mehr Radverkehr“, seinerzeit von einem eher fahrrad-affinen Gemeinderat beschlossen. Doch in den folgenden Jahren änderten sich die Mehrheitsverhältnisse und die Umsetzung kam ins Stocken.

Gerhard Fontagnier, Grüner Stadtrat und Organisator der Radparade, ist sicher einer der bekanntesten Lobbyisten für Zweiräder in Mannheim. Die Transformation der Autostadt zu einer Fuß- und Fahrradstadt sieht er als Herausforderung: „Es bedarf deutlich mehr finanzielle und personelle Ressourcen, um die Verkehrswende auf das nötige Tempo zu beschleunigen.“ An Ideen mangelt es ihm nicht.

Neue Rheinbrücke und schnellere Verbindungen der Stadtteile

Ganz aktuell preschen die Grünen mit dem Vorschlag einer dritten Rheinbrücke vor, die ausschließlich für Fußgänger*innen und Radfahrer*innen geöffnet sein soll. Das ist nicht an den Haaren herbeigezogen. Mit dem zu erwartenden Verkehrschaos, das mit dem Rückbau der Ludwigshafener Hochstraße losgehen wird, kommt die Idee zur rechten Zeit. Gerhard Fontagnier hat noch weitere Vorschläge:

„Es braucht schnell sichere Radverbindungen von und zu den Vororten. Mit dem nötigen politischen Willen und kluger Planung könnte man sehr schnell Autostraßen umwidmen zu autofreien Fahrradschnellstrecken. So weit als möglich sollte man den innerstädtischen Autoverkehr auf 30 km/h begrenzen und weiter den Autoverkehr beruhigen und Fahrrad- und/oder Fußgängerzonen ausweiten und neu einrichten – auch in den Vororten. Die Ordnungsbehörde muss endlich durchgreifen, was das unberechtigte Zuparken von Geh- und Radwegen angeht. Hier geschieht leider trotz aller Forderungen und Anträge nichts und es verschlimmert sich zunehmend.”
— Gerhard Fontagnier (Grüne)

Der ADFC sieht Mannheim insgesamt auf einem guten Weg. Besonders beim Lückenschluss-Programm zur Verbesserung des Radverkehrsnetzes gebe es gute Beispiele, wie der neue Radfahrstreifen auf der Bismarckstraße. Besondere Probleme sieht der Fahrradlobbyverband ebenfalls bei der Ahndung von Parkverstößen auf Rad- und Gehwegen. Hier würde zu viel „planmäßig weggesehen“ und damit ein falsches Signal gesendet.

Die Gefahren der rechtsabbiegenden Lkw will die Stadt laut ADFC besonders angehen, mit Aufklärungskampagnen für Kinder und Warntafeln für städtische Fahrzeuge. „Da eine bundesweit verbindliche Ausrüstung mit Lkw-Assistenz-Systemen auf sich warten lässt, könnte die Stadt Mannheim versuchen, das Stadtgebiet für unausgerüstete Lkw zu verbieten“, schlägt der ADFC vor. Ob, und falls ja, wie das möglich ist, scheint aber offen zu sein.

Ein Trixi-Spiegel in Amsterdam | Foto: Jvhertum (CC BY-SA 3.0)
Ein Trixi-Spiegel in Amsterdam | Foto: Jvhertum (cc by-sa 3.0)

Helfen könnten auch sogenannte „Trixi-Spiegel“. Das sind konvexe Verkehrsspiegel, die direkt unter einer Ampelanlage angebracht werden und den Autofahrer*innen einen Blick in den toten Winkel rechts neben ihnen ermöglichen. Ihren Namen haben sie von der Tochter Beatrix des Erfinders, die 1994 bei einem schweren Verkehrsunfall von einem rechtsabbiegenden Lkw überrollt wurden. Als erste Großstadt in Deutschland hat Freiburg solche Spiegel angeschafft. Auch in Heidelberg wurden riskante Kreuzungen damit ausgestattet. In Mannheim scheinen sie bisher nicht sonderlich verbreitet zu sein – falls es überhaupt welche gibt.

Die neuen Mehrheitsverhältnisse im Gemeinderat lassen Gerhard Fontagnier für die Zukunft hoffen. Mit einer stabilen grün-rot-roten Mehrheit könnte es gute Chancen für solche Vorhaben zu geben. Diese Hoffnung hat auch Gerd Hüttmann vom ADFC: „Im neuen Gemeinderat gibt es eine rechnerische Mehrheit von Parteien, die den Radverkehr auch fördern wollen, wenn es zu Lasten von Autoverkehr geht. (…) Der ADFC hofft, das damit auch mutigere Maßnahmen Mehrheiten finden.“

„Ghost Bike“ als Erinnerung und Warnung

Für die Rechte der Radfahrer*innen setzen sich auch die Organisator*innen der Critical Mass ein. Wobei, die gibt es ja gar nicht. Die Critical Mass ist eine scheinbar zufällige Begegnung von Fahrradbegeisterten. Immer am dritten Freitag des Monats kommen sie am Wasserturm zusammen und fahren im Pulk durch die Stadt. Abwechselnd und meist spontan wird entschieden, wo es lang geht. Hierarchien und feste Strukturen – unerwünscht. Sie wollen Fahrräder im Straßenverkehr besser sichtbar machen.

„Eine Critical Mass hat nicht das Ziel, den Straßenverkehr zu blockieren, sie ist selber Teil des Straßenverkehrs – es geht um ein gemeinsames Miteinander auf gleicher Augenhöhe.“
— Aus der Selbstbeschreibung der Critical Mass

Ein Ghost Bike, das in München abgestellt wurde | Foto: Rufus46 (cc by-sa 3.0)
Ein Ghost Bike, das in München abgestellt wurde | Foto: Rufus46 (cc by-sa 3.0)

Die Ausfahrt der Critical Mass am 28. Juni wurde jedoch anders. Aus Anlass des oben beschriebenen Verkehrsunfalls ging es in den Stadtteil Friedrichsfeld, an die Stelle, an der vergangene Woche der 34-jährige Radfahrer von einem Lkw überrollt wurde. Zum Gedenken wurde ein sogenanntes Ghost Bike aufgestellt. Das ist eine aus den USA stammende Idee, weißgestrichene Fahrräder als Mahnmale für im Straßenverkehr tödlich Verunglückte am Unglücksort aufzustellen. Neben der Funktion als Gedenkstätte sollen sie auch auf mögliche Gefahrenpunkte hinweisen. Da es eine geplante Gedenkfahrt war, habe man sich für eine angemeldete Versammlung nach dem Versammlungsgesetz entschieden. Als Anmelder hatte sich Gerhard Fontagnier zur Verfügung gestellt.

Gefahren vermeiden – Autoverkehr zurück drängen

Die Aktiven der Critical Mass haben ganz konkrete Forderungen, um solche tragischen Unfälle wie in Friedrichsfeld in Zukunft zu verhindern oder wenigsten die Gefahren zu verringern. Sie sehen es ähnlich, wie der ADFC:

„Seit Jahren fordern Fahrradaktivsten und Verkehrsexperten vom Gesetzgeber verpflichtende Abbiegeassistenten für Lkws. Das könnte auf jeden Fall Leben retten. Das Stichwort lautet „Protected Bike Lane“. D.h. die drei Gruppen Fußgänger*innen, Fahrradfahrer*innen und motorisierter Individualverkehr werden durch bauliche Maßnahmen getrennt und jede Gruppe hat seine/n ganz/n individuelle/n Fahrbahn bzw. Fußweg. In diesem Zuge muss die Stadt noch viel mutiger werden dem motorisierten Verkehr Platz für mehr Fahrradinfrastruktur abzuringen.“
— Aktive der Critical Mass

„Augenwischerei und Symbolpolitik“ in der „Fahrradstadt“

Auch konkret vor Ort sehen Teilnehmer*innen der Critical Mass Verbesserungsmöglichkeiten. Als „Fahrradstadt“ würden sie Mannheim nicht bezeichnen. Die Verwaltung würde „Augenwischerei und Symbolpolitik“ betreiben. In anderen Städten, die es wirklich ernst meinten, würde mehr getan. Mannheim sei überfüllt mit parkenden Autos, die Platz verschwenden, aber öffentliche Abstellplätze für Fahrräder gäbe es kaum. Es müssten mutige Entscheidungen getroffen werden, wie beispielsweise einen kompletten Pkw-Parkstreifen durch eine eigene Spur für Fahrradfahrer*innen zu ersetzen. Auch bei den bestehenden Fahrradwegen ließe sich noch viel verbessern.

„Ein Problem für viele Fahrer*innen ist, dass sie häufig ausgebremst werden und auf vielen Radwegen, die benutzungspflichtig sind, nicht die Geschwindigkeit fahren können, die sie möchten und könnten. Hier sind als ein Beispiel die Überquerungen des Luisenrings/Friedrichrings an der Kurpfalzbrücke oder die Radwege um die Feuerwache zu nennen, in denen der Fahrradverkehr durch Fußgänger*innen ausgebremst wird. Dies liegt vor allem an der ungünstigen Wegeführung.
Für viele ältere und besonders junge Fahrradfahrer*innen oder welche, die sich allgemein nicht ganz so sicher auf dem Fahrrad fühlen, sind schmale Fahrradstreifen auf der Fahrbahn, wie beispielsweise auf dem Friedrichsring zwischen Wasserturm und Kurpfalzbrücke abschreckend. Das Ziel muss sein, dass jede/r ohne Angst zu haben unterwegs sein kann.“
— Aktive der Critical Mass

Verkehrspolitik als konstituierendes politisches Moment?

Teilnehmer*innen der Radparade 2019 | Foto: CKI
Teilnehmer*innen der Radparade 2019 | Foto: CKI

Die politischen Vertreter*innen des Fahrrads betonen oft die Gleichberechtigung mit dem Autoverkehr und den Wunsch nach „Augenhöhe“. Das sollte nicht darüber hinweg täuschen, dass es um einen harten Kampf um die Zukunft der Straßen geht. Längst haben sich Fraktionen gebildet und selbst Parteien lassen sich schnell pro Fahrrad oder pro motorisierter Verkehr zuordnen. Während Grüne, Linke und (zumindest kommunal) auch die SPD als fahrradfreundlich wahrgenommen werden, hat sich vor allem die CDU als Autofahrerpartei etabliert – was ihr immer mehr um die Ohren fliegt. Die AfD setzt da noch einen drauf. Jörg Finkler, frisch gewählter Stadtrat der rechtsaußen-Partei sieht schon die Lichter ausgehen und hält grüne Verkehrspolitik und die Debatten um Klimaschutz für „Populismus“. „Die Verkehrswende mit der Abschaffung des Verbrennungsmotors legt die Axt an den Wohlstand Mannheims und Deutschland. Die Verkehrswende führt zu massenhaften Entlassungen und Massenarbeitslosigkeit.“

So kommt es, dass sich Verkehrsteilnehmer*innen zunehmend über die Art und Weise, wie sie auf den Straßen unterwegs sind, einer politischen Partei oder Gruppierung zugehörig fühlen. Mehr noch. Ich beobachte immer häufiger, wie sich Radfahrer*innen als politisches Subjekt identifizieren, das Verkehrsmittel als verbindendes – oder eben trennendes – Element wahrnehmen. Logisch, die überzeugten SUV-Fahrer und PS-Protzer (fast immer männlich), finden ihre Interessen eben von konservativen oder rückständigen Parteien vertreten, während sich die Fans umweltfreundlicher und moderner Fortbewegung in linken, grünen und progressiven Milieus wohl fühlen.

Auch ich finde mich sofort in diesem Schema wieder. Immer öfter lasse ich das Auto nicht nur aus praktischen, sondern aus grundsätzlichen Gründen stehen und merke, wie mir die Typen hinter den Lenkrädern der BMWs, Mercedes und anderer dicker Karren immer unsympathischer werden.

Vielleicht sind Fahrradfahrer*innen zukünftig ja das, was sich die Linken immer von der Arbeiterklasse gewünscht haben: eine unterdrückte, aber selbstbewusste gesellschaftliche Gruppe, die sich über ihre Lage im Klaren ist, solidarisch miteinander, auf dem richtigen Weg, den Blick stets in die Zukunft gerichtet.

Einige Tipps zum Schluss

Doch ohne Praxis geht es nicht. Was wollen unsere Interviewpartner*innen den Leser*innen noch mitgeben? Hier sind einige praktische Tipps für den Alltag auf dem Fahrrad.

Goldene Regeln des ADFC zur Verkehrssicherheit:

  • Rücksicht nehmen und vorsichtig Rad fahren.
  • Nach außen selbstbewusst, innerlich aber defensiv fahren.
  • Eindeutig und vorausschauend Rad fahren. Handzeichen geben.
  • Blickkontakt zu anderen Verkehrsteilnehmern suchen.
  • Abstand halten und sich Sicherheitszonen schaffen.
  • Abbiegende Autos und Lkws erfordern erhöhte Aufmerksamkeit. Stichwort: Toter Winkel.
  • Nicht als Geisterfahrer unterwegs sein.

Das Polizeipräsidium Mannheim verweist auf ihre Aktion „Plus 5“.

Gerhard Fontagnier (Grüne):„Bitte nicht auf Gehwegen fahren, auch wenn es manchmal einfacher ist. Wir sollten uns besser die Fußgänger*innen zu Verbündeten machen. Wer auch oft mit dem ÖPNV unterwegs ist: ein einfaches Klapprad ist dafür sehr praktisch, weil es ohne Ticket und zu jeder Tageszeit im ÖPNV mitfahren darf. Nehmt als Radler*innen Abstand zu rechts parkenden Autos. Eine der häufigsten Unfallursachen sind unachtsam geöffnete Autotüren. Wenn ihr rechts von einem Lkw fahrt, passt bei Abbiegungen und Kreuzungen auf und lasst die Kisten mit weitem Abstand fahren. Unterstützt die Aktionen wie Critical Mass (jeden 3. Freitag ab 18:30 Uhr mit Start am Wasserturm, Brückencafé Konrad-Adenauer-Brücke an jeden 2. Mittwoch im Monat ab 7 Uhr morgens). Schreibt an die Stadt und beklagt euch über die Mängel in der Fahrradinfrastruktur: anregungen-beschwerden@Mannheim.de.“

Aktive der Critical Mass: „Entspannt bleiben und auch mal hinnehmen, dass die eigene Fahrbahn durch einen anderen Verkehrsteilnehmer versperrt ist. In solchen Fällen hat man als Fahrradfahrer*in übrigens das Recht, auf die Straße auszuweichen. Und dort sollte man sich am besten so platzieren, dass die Autofahrer*innen einen sehen können und Türen von sich öffnenden Autos auf dem rechten Parkstreifen einen nicht erwischen, also ungefähr in der Mitte der rechten Fahrspur. Für andere Verkehrsteilnehmer*innen mitdenken macht außerdem Sinn und kann der eigenen Unversehrtheit dienlich sein, denn schließlich unterläuft jedem mal ein Fehler.“

Bildergalerie: Das war die Radparade 2019

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Mannheim sagt Ja! (Kommende Veranstaltungen in 2019)

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