Stadtentwicklung

Autos raus! Mehr Platz für Menschen…

Zwei Neckarstädterinnen wollen die Lebensqualität ihres Stadtteils erhöhen. Ihre Visionen von „weniger Auto und mehr Leben“ können schon 2020 Realität werden.

Werbung

Stefanie Heß, Co-Fraktionsvorsitzende der Mannheimer Grünen im Gemeinderat, und Christin Fuchs treffen sich am Kiosk der Uhlandschule, dem Punkt, an dem Lange Rötterstraße und Geibelstraße aufeinandertreffen; genau wie ihre Vorhaben: Mit ihrer Fraktion hat Stefanie Heß einen Antrag für eine probeweise Sperrung der Lange Rötter Straße und eine begleitende Bürgerbeteiligung in den Gemeinderat eingebracht, Christin Fuchs hat es mit ihrer Idee für drei autofreie Straßen im Beteiligungshaushalt in die Endrunde geschafft.

Das Fotoshooting mitten auf der Straße führt direkt zu positiven Reaktionen vorbeiradelnder und gehender Neckarstädter*innen. Selbst die Autofahrer*innen schauen neugierig und amüsiert, wie sich die beiden Frauen mit Teppich, Tischchen und Stühlen zu einem Gespräch mitten auf der Straße niedergelassen haben.

Umzingelt von fahrenden und parkenden Blechbüchsen und Abgasen | Foto: M. Schülke
Umzingelt von fahrenden und parkenden Blechbüchsen und Abgasen | Foto: M. Schülke

„Die Lange Rötterstraße ist das Herz der Neckarstadt-Ost und mit ihren vielen Bäumen, den kleinen Läden und dem total vielfältigen Gastronomieangebot eigentlich ein wahres Schmuckstück. Das nimmt man aber meist gar nicht wahr, weil die Straße voll ist mit parkenden und fahrenden Autos“, bedauert die Neckarstädter Grünen-Stadträtin. Dass damit viele Menschen unzufrieden seien, hätten die Grünen auch bei ihrer Zukunftswerkstatt im vergangenen Mai festgestellt. „Auch für unsere Bezirksbeirät*innen sind die Belastungen und Gefahren durch den Autoverkehr immer wieder die bestimmenden Themen in den Gesprächen mit Bürger*innen. Es muss sich also echt was tun.“

Die Hoffnung auf die kommende Verkehrswende macht den beiden Neckarstädterinnen gute Laune | Foto: M. Schülke
Die Hoffnung auf die kommende Verkehrswende macht den beiden Neckarstädterinnen gute Laune | Foto: M. Schülke

In einem ersten Schritt möchten die Grünen darum die Lange Rötterstraße, als die zentrale Achse der Neckarstadt-Ost vom Durchgangsverkehr befreien. Zunächst in einem Modellversuch, bei dem die Straße für die Sommermonate 2020 von 20 bis 6 Uhr und an den Wochenenden komplett für den Durchgangsverkehr gesperrt wird. Mittelfristiges Ziel sei es, sie zu einem echten Stadtteilzentrum weiter zu entwickeln, „in dem der öffentliche Raum den Menschen statt dem rollenden und ruhenden Verkehr gehört. Aber das geht nur gemeinsam mit den Menschen hier vor Ort“, erklärt Stefanie Heß und spielt damit der engagierten Bürgerin Christin Fuchs den Ball zu, den sie gerne aufnimmt: „Das ergänzt perfekt meine Idee zu den ersten autofreien Straßen der Neckarstadt. Ich erinnere mich an eine Kindheit, in der Nachbarn vor den Häusern zusammen feierten, man sich traf und verweilte, die Kinder spielten Federball und stromerten durch die Häuserzeilen.“ Die Gegenwart gestaltet sich durch das enorme Wachstum des Individualverkehrs in den Städten allerdings völlig anders: „Bei meinen eigenen Kindern habe ich mich erst im Grundschulalter getraut, sie alleine zum Spielplatz oder zu Freunden zu schicken. Und Spielen auf der Straße ist gar nicht mehr vorstellbar. Das kann doch nicht unser Verständnis von Lebensqualität sein. Kein Wunder, dass Kinder kaum noch Bewegung haben; und wir ebenso.“

Besonders gefreut hat Christin Fuchs, dass viele Neckarstädter*innen dies ähnlich sehen und ihren Vorschlag beim Beteiligungshaushalt unter die Top-10 gebracht haben. In der zweiten Votingphase käme es nun darauf an, ihn an die Spitze zu bringen und das Unvorstellbare 2020 Wirklichkeit werden zu lassen. Jeder, auch, wer schon in der ersten Runde gestimmt hat, kann bis zum 1. Dezember dem Vorschlag (oder auch den weiteren Vorschlägen zum Thema Verkehrswende, Anm. d. Red.) im Beteiligungsportal wieder seine Unterstützung aussprechen und ihm damit 2020 Wirklichkeit werden lassen.

Christin Fuchs wünscht sich drei autofreie Straßen in der Neckarstadt | Video: Stadt Mannheim

„Die Neckarstadt-Ost ist schon jetzt ein großartiger und lebenswerter Stadtteil und seine Gastronomie und die vielen inhabergeführten Läden tragen dazu einen großen Teil bei. Wie schön könnte es sein, wenn die Menschen sich hier auf der Straße begegnen könnten, ohne Verkehrs-Klangteppich“, meint Stefanie Heß. Dafür könnte mit der zeitweisen Sperrung ein Bewusstsein geschaffen werden. „Alle Beteiligten können erleben, was möglich ist. Diese Probephase muss natürlich begleitend evaluiert und die tatsächlichen Auswirkungen einer Durchfahrtssperre getestet werden. Ein anschließender Verkehrsworkshop bietet die Möglichkeit diese Erfahrungen direkt einzubringen und tragfähige dauerhafte Lösungen zur Realisierung einer Fußgängerzone mit den Bewohner*innen, aber eben auch mit den Gewerbetreibenden und Gastronom*innen der Neckarstadt-Ost zu erarbeiten“, erklärt die Grünen-Stadträtin.

Für einen kurzen Plausch haben sie der Straße anderthalb Quadratmeter abgerungen | Foto: M. Schülke
Für einen kurzen Plausch haben sie der Straße anderthalb Quadratmeter abgerungen | Foto: M. Schülke

„Ein erkennbarer Nutzen für viele ist wichtig“, betont auch Christin Fuchs. „Die wohl wichtigste Straße Vorschlag des Beteiligungshaushaltes ist die Geibelstraße.“ Diese führt direkt an der Uhlandschule vorbei. „Hier gibt es ein allmorgendliches Verkehrschaos und die Emotionen explodieren regelmäßig, wenn es darum geht, ob ein sicherer Schulweg für selbstlaufende Schüler oder die wild haltenden Auto-Aussteige-Kinder wichtiger sind. Sind die Autos raus, ist das Thema vom Tisch.“ Die Gewinner der Sperrung seien die 400 Kinder der Grundschule. Nicht nur die 30 Prozent, die ohnehin laufen und für die der Schulweg sicherer werde, sondern auch jene, die aktuell mit dem Auto gebracht werden, denn sie erhielten dadurch die Eigenverantwortung, die sie für ihre Entwicklung brauchten, führt die zweifache Mutter weiter aus.

Stefanie Heß stimmt ihr zu: „Kinder und Jugendliche gehen zu Fuß und fahren mit dem Fahrrad. Aber eben nur dann, wenn Eltern auch davon ausgehen können, dass sie unbeschadet dort ankommen, wo sie hin wollen. Sonst setzt man seine Kinder halt doch lieber ins Auto und fährt sie wohin.“ Wichtig sei es aber, die Sorgen der Menschen ernst zu nehmen. Das Auto sei für viele Menschen Gewohnheit und Freiheit zugleich. „Daher die Testphase und die anschließende gemeinsame Weiterentwicklung. Es ist wichtig, dass wir die alltäglichen Belastungen durch eine veraltete Verkehrspolitik nicht mehr einfach hinnehmen sollten, sondern neue Wege ausprobieren. Dabei können wir nur gewinnen, z.B. Aufenthaltsqualität im öffentlichen Raum und Sicherheit im Verkehr.“

Von weniger Autos im Straßenraum könnte auch die Gastronomie vor Ort profitieren | Foto: M. Schülke
Von weniger Autos im Straßenraum könnte auch die Gastronomie vor Ort profitieren | Foto: M. Schülke

„Aufenthaltsqualität ist ein gutes Stichwort“, antwortet Chrstin Fuchs. „Uhland- und Max-Joseph-Straße sind die anderen beiden Straßen aus meinem Vorschlag. Ich finde es sehr schade, dass ich mit meinen Kindern beim Durchlaufen des Viertels im Gänsemarsch die Gehwege passieren muss und der Weg dadurch dem Miteinander entzogen wird. Wenn die Minis morgens zur Schule laufen, parken auf den meisten Ecken Autos.“ Und das, obwohl es am Herzogenriedbad einen riesigen leeren Pkw-Parkplatz gibt. Dort zu parken und die 400 Meter nach Hause zu laufen, sei in den meisten Fällen schneller, als ewig um die Blocks zu fahren und am Ende doch auf dem Grünstreifen vor der Platane zu stehen. „Diese Macht der Gewohnheit abzulegen, dafür braucht es Rahmenbedingungen. Diese schafft der Vorschlag.“

Die Zugangsstraße zur Uhland-Grundschule ist ständig beiseitig zugeparkt – gefährlich für die Schulkinder | Foto: M. Schülke
Die Zugangsstraße zur Uhland-Grundschule ist ständig beiseitig zugeparkt – gefährlich für die Schulkinder | Foto: M. Schülke

Besonders spannend wird es allerdings sein, wie die freiwerdende Fläche das Leben der Anwohner*innen verändern wird. Christin Fuchs wagt den Blick in die Zukunft: „Werden wir die ersten Nachbarschaftsfeste draußen erleben und stehen bald Bänke zum Verweilen vor den Gärten, in denen sich Nachbarn kennenlernen? Ich bin sehr gespannt.“ Die aktuelle Diskussion erinnere sie an die Einführung des Rauchverbots, meint sie. „Da wurde der Untergang der Gastronomie beschworen, die Diskussionen wurden hochgradig emotional geführt. Kein halbes Jahr nach Einführung schüttelten die meisten mit dem Kopf, wenn sie sich bewusst machten, dass man jemals in Restaurants, Zügen und Büros rauchen durfte.“ Unvorstellbar aus heutiger Perspektive und doch gerade ein Jahrzehnt her. „Wer auf sein Auto angewiesen ist oder eines haben möchte, soll es behalten.“ Und natürlich blieben Be- & Entladen, Lieferverkehr und Taxizufahrten möglich. Die Frage sei nur, ob Autos in unseren charmanten Altstadtstraßen parken müssen oder „ob wir uns daran gewöhnen, dafür die freien Parkflächen am Rande nutzen, von denen unser Viertel glücklicherweise einige hat.“ Dann läuft jeder seine paar Schritte nach Hause; der eine von der Tram-Haltestelle, der andere vom Parkplatz. „Und auf dem Weg genießen wir, wie es noch schöner bei uns geworden ist.“

Vorschlag im Beteiligungshaushalt unterstützen
Christin Fuchs wünscht sich drei autofreie Straßen in der Neckarstadt | Screenshot: Stadt Mannheim
Christin Fuchs wünscht sich drei autofreie Straßen in der Neckarstadt | Screenshot: Stadt Mannheim

Den Vorschlag kann jede*r ab sofort im Beteiligungshaushalt unterstützen. Dazu im Beteiligungsportal der Stadt Mannheim registrieren und die Idee „3 autofreie Straßen in der Neckarstadt“ unterstützen (Button zum Abstimmen erscheint erst, wenn man angemeldet ist; hier geht es zum Login).

Unterstützen kann jede*r – also auch, wer den Vorschlag in der ersten Runde bereits unterstützt hat.

Antrag der Gemeinderatsfraktion Bündnis 90/Die Grünen:

Der Antrag für die probeweise Sperrung der Lange Rötterstraße und eine begleitende Bürgerbeteiligung ist in den Gemeinderat eingebracht. Der Antrag ist hier nachzulesen.

Screenshot: gruene-fraktion-mannheim.de
Screenshot: gruene-fraktion-mannheim.de

Offenlegung: Christin Fuchs ist auch als freie Autorin der Gesprächsreihe „Klönschnack“ für das Neckarstadtblog tätig.

Werbung

Das Neckarstadtblog dankt für die Unterstützung von:

0 Kommentare zu “Autos raus! Mehr Platz für Menschen…

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.