Die Drei von der Erdbeere

In unserer neuen Gesprächsreihe „Klönschnack“ trifft sich Autorin Christin Fuchs mit interessanten Menschen aus der Neckarstadt und klönt mit ihnen über dies und das. Den Anfang machen die Drei von der Erdbeere.

Wer kennt nicht den Obst- und Gemüsestand in Form einer Erdbeere  in der Langen Rötterstraße. Sie gehört zur Neckarstadt-Ost wie der „Rensch-Block“, an dessen Ecke sie Jahr für Jahr zusammen mit den Narzissen im Vorgarten mit den ersten Frühlingstagen in Erscheinung tritt. Seit gefühlten Jahrzehnten steht sie trutzig und schon von Weitem rot leuchtend und gut erkennbar an der Ecke zur Kinzigstraße. Nachdem „Erdbeer-Uschi“ ihre Ära als Herrin über den Mini-Obst-und-Gemüsemarkt im Jahr 2015 beendete, übernahmen Elke Hartmann, Christa Schnabel und Rose Meidinger. Ich traf das Trio an einem frühsommerlichen April-Sonnabend für einen Klönschnack auf meiner Feierabendbank. Bei Secco und einem Tässchen Kaffee verrieten mir die Ladies mehr über sich und ihre Erfahrungen in und mit der Neckarstadt.

Rose Meidinger vom Erdbeerstand | Foto: M. Schülke
Rose Meidinger vom Erdbeerstand | Foto: M. Schülke

Rose M.: Beim „Hege“ (abgekürzt für: Hegehof) wissen Sie schon, dass sich niemand für die Neckarstadt eintragen darf. Das machen wir und das bleibt auch so. Die Neckarstädter sind einfach sau-nette Leute. Es macht uns hier so viel Spaß, wir wollen nirgendwo anders hin.

Elke H.: (stimmt ihr zu) Ich habe als Vertretung hier angefangen, war vorher im Speckweg. Die Leute freuen sich, wenn wir im Frühjahr aufmachen und kommen vorbei, um uns zu begrüßen. Das findet man sonst nirgends. Das Viertel ist sehr familiär. Ich bin immer froh, wenn ich hier sein kann.

Wie läuft es grundsätzlich mit der Arbeit hier am Stand?

Elke H.: Wir sind beim Hegehof angestellt und teilen die Zeiten am Stand in der Neckarstadt zwischen uns auf. Ich bin täglich für einen halben Tag hier. Rose und Christa teilen sich die zweite Hälfte der Schichten. Seit diesem Jahr sind wir am Samstag zu zweit. Gott sei dank, denn da ist immer viel los.

Christa S.: Mit Rose habe ich im „real“ in Sandhofen gearbeitet. Sie ist seit 2015 in der Neckarstadt und hat mich praktisch angeworben. Wir sind alle gelernte Verkäuferinnen und sind unser ganzes Leben dabei geblieben. Der Kontakt mit den Menschen, wir brauchen das einfach. Das ist unser Ding. Ich arbeite auch ehrenamtlich bei der Tafel. Mit dem Stand bessern Rose und ich die Rente auf. Elke hat noch einen zweiten Job und schafft im Winter bei den Heinzelmännchen, die auch in der Langen Rötterstraße sind. In der Neckarstadt wohnen wir alle nicht; Elke stammt aus LU und wir wohnen in Sandhofen und Käfertal.

Rose M.: Ich erinnere mich noch gut an meine Schulzeit an der Uhland-Grundschule. Drei Jahre lebten wir hier als Familie und ich fand es so schade, dass wir weggezogen sind. Schon als Kind war es toll, hier leben zu können.

Was macht es aus, dieses Besondere in der Neckarstadt? Wie begegnet Ihnen das im Alltag am Stand?

Elke Hartmann vom Erdbeerstand | Foto: M. Schülke
Elke Hartmann vom Erdbeerstand | Foto: M. Schülke

Elke H.: Wie beschreibt man es am besten? Es ist zum Beispiel dieser einzigartige Zusammenhalt. Im letzten Jahr gab es ein Thema mit den Überfällen von Jugendlichen. Da kamen die Leute und haben von sich aus das Thema angesprochen und Hilfe angeboten. Die Frau vom Lotto-Laden, der Buchhändler, der Hörgeräteladen sowieso.

Rose M.: Der Eigentümer vom Hörgeräteladen ist schon vor einer Weile weggezogen. Wenn er in Mannheim ist, kommt er uns immer noch besuchen. So ist es auch mit vielen Stammkunden. Die Leute kommen nicht nur zum Einkaufen her, man lebt auch ein Stück mit ihnen. Gerade erst kam eine Studentin mit ihren Eltern, die wissen wollte, wann wir da sind. Sie war ganz begeistert, dass es unseren Stand gibt. Die älteren Leute haben Zeit zum Reden; sie erzählen gern und wollen bei uns ihre Sorgen loswerden. In den letzten Jahren sind viele Familien mit Kindern dazugekommen. Man begleitet auch sie ein Stück im Leben und sieht die Kinder heranwachsen. Die Frau, die im Herbst noch schwanger war – und dann macht man wieder auf und plötzlich ist was Kleines da.

Christa S.: Kinder sind ohnehin das Schönste. Die hört man schon von Weitem rufen: „Guck mal, die nette Frau von der Erdbeere ist wieder da“. Und wenn der Kindergarten einen Ausflug macht und die ganze Bande im Wagen vorbeigefahren kommt, dann gibt es natürlich für jedes eine Erdbeere. Das ist doch klar.

Wie läuft ein typischer Tag in der Erdbeere ab? Hat der Alltag im Viertel Muster, die Sie auch am Stand wahrnehmen?

Elke H.: Wir öffnen in der Saison um 8 Uhr. Meist haben wir den Stand schon aufgebaut, bevor der Fahrer mit der frischen Ware kommt. Ein paar Kinder auf dem Schulweg sehen wir dann noch. Von Ihnen kriegen manche Geld von Daheim mit, damit sie sich Erdbeeren kaufen können. Die ersten Einkäufer sind dann die Senioren-Schwimmer, die auf dem Heimweg bei uns anhalten. Generell gehen die älteren Leute eher in der Früh einkaufen. Auch die Hunde-Gassi-Geher sind eine feste Größe. Und am Nachmittag dann die Familien, die von Schule und Kindergarten heimkommen und der Feierabendverkehr und die Heimkehrer aus den Parks. Überhaupt haben wir viele Stammkunden, die immer kommen.

Sie sind alle schon seit Jahren im Verkauf und scheinen darin Ihre Berufung gefunden zu haben. Wie sind Sie zu diesem Beruf gekommen?

Rose M.: (lacht) Wir waren zu Hause 8 Kinder und meine Mutter beschloss, dass ich zum Metzger in die Lehre gehe. Dann gibt es die Wurst billiger. Ich habe mich mit Händen und Füßen gewehrt. Keine Chance. Geschichten aus der Ausbildung und im Einzelhandel habe ich jede Menge erlebt; nicht nur gute. Der Verkauf selbst hat mir immer Spaß gemacht, aber Harmonie beim Schaffen ist das Wichtigste. Das klappt hier mit uns Dreien richtig gut. Wir arbeiten Hand in Hand; wir stehen füreinander ein. Wenn eine mal krank ist, klären wir untereinander, wer übernimmt. Wir treffen uns auch im Winter und vor der Saison, um uns vorzubereiten.

Elke H.: Ich habe schon vor Jahren beim Kaisers (heute „nah & gut“) in der Langen Rötterstraße gearbeitet. Es war damals schon nett im Viertel, allerdings war der Job deutlich unpersönlicher als heute. Verkauf ist ein Geben und Nehmen und da passt es hier bei uns am Stand einfach. Wir sind ein eingespieltes Team und die Ware hat gute Qualität. Deshalb kommen die Leute auch wieder.

Sprechen wir über das Angebot in der Erdbeere. Das Häuschen hat ja seit diesem Jahr sogar eine Kühltheke. Das Angebot scheint sich zu erweitern. Was sind die Top-Seller des Standes?

Christa S.: Die Erdbeeren ziehen schon am meisten. Und die sind auch einfach lecker. Ende April kommen die ersten vom Hegehof; ich habe sie schon wachsen gesehen. Darauf freue ich mich schon. Später kommen dann die anderen Beeren dazu, die sind auch beliebt.

Rose M.: Die Schwester von „Hege“ hat ein Weingut, dort kommt unser Wein her, der auch viele Anhänger hat. Seit diesem Jahr haben wir eine Kühltheke, wo wir Kuchen, Brot und Käse verkaufen. Der Kuchen wird von den polnischen Arbeiterinnen auf dem Hof gemacht. Das schmeckt man; die können backen. Für die anderen Produkte hat der Chef Partnerschaften mit anderen Höfen. Letztens stand hier ein kleiner Bub und hat ein Viertel Brot fast ganz weggefuttert, wie gekauft. Das ist es, was es ausmacht. Wenn man weiß, dass die Qualität passt.

Gibt es auch schwierige Situationen im Alltag; ich denke da zuallererst an verregnete Herbsttage oder einen lausig kalten April.

Christa Schnabel vom Erdbeerstand | Foto: M. Schülke
Christa Schnabel vom Erdbeerstand | Foto: M. Schülke

Christa S.: Das Wetter kann schon herausfordernd sein. Die vielen Unwetter im letzten Jahr zum Beispiel. Am Anfang haben mich die Kolleginnen ausgelacht, weil ich angezogen wie ein Michelin-Männchen hier ankam. Aber die Kälte ist das Allerschlimmste. Wir standen hier im April und es hat geschneit. Da muss man sich was einfallen lassen. Ich habe da alles Mögliche ausprobiert, aber Kälte kriecht einem irgendwann durch den ganzen Körper. Egal, was man anhat.

Rose M.: Klo ist auch so ein Thema. Ein Standort mit Dixi-Klo geht ja gar nicht. Da gehe ich nicht mehr hin. Hier konnten wir noch ein ganzes Jahr, nachdem der Hörgeräteladen raus war, dort hinein. Der Vermieter ließ uns den Schlüssel da und hat auch nur an jemanden vermietet, der weiter die Erdbeere „duldete“. Und es gibt viele Läden und Büros drum herum, die uns Ihr Örtchen zur Verfügung stellen.

Elke H.: Spannend war es, als ich hier eine Verfolgungsjagd erlebte. Kam so ein abgerissener Typ abgehetzt um die Ecke und verschwand in die Einfahrt. Zwei Typen hinterher, einer zog die Pistole. Ich schaute meine Kundin an und fragte: Was machen wir jetzt? Im Häuschen verbarrikadieren? Wir duckten uns vorsorglich schon mal und hörten kurz darauf die Verfolger „Polizei“ und „auf den Boden legen“ brüllen. Ich kann Ihnen sagen, da war mir ganz schön anders. Glücklicherweise passiert das hier nicht so oft.

(Nachdenklich) Ja, man kriegt schon alles mit, was hier im Viertel passiert. Die guten wie die nicht so schönen Sachen. Das gehört einfach dazu. Da gibt es auch Situationen, in denen man nicht gerne allein am Stand steht und froh ist um die Anlaufstellen rundherum.

Ganz herzlichen Dank für dieses unterhaltsame Gespräch. Schön, dass Sie wieder die Draußen-Saison im Kiez eröffnet haben und nun wünsche ich Ihnen allen einen sonnigen Feierabend!

Elke H.: Wir möchten die Gelegenheit nutzen, unseren Kunden zu danken. Dafür, dass sie regelmäßig kommen und sich darüber freuen, dass wir da sind. Wir fühlen uns als Teil der Familie und es ist toll, dass wir so auch ein Teil der Neckarstadt sein können.

Mit ihrer Feierabendbank ist Christin Fuchs auf der Suche nach interessanten Gesprächspartnern in der Neckarstadt unterwegs | Foto: M. Schülke
Mit ihrer Feierabendbank ist Christin Fuchs auf der Suche nach interessanten Gesprächspartnern in der Neckarstadt unterwegs | Foto: M. Schülke
Klönschnack

Norddeutsch für: gemütliche Plauderei

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