Stadtentwicklung

Der Hai zeigt seine Zähne

Nachdem es neulich so schien, dass die verbliebenen Bewohner der Kobellstraße 19-21 einen kleinen Sieg errungen hätten, geht die Verdrängung aus ihrem Zuhause nur in die nächste Runde.

Doch von vorne. Im Sommer 2013 kaufen die Mannheimer Brüder G. und P. Höring das Haus in der Kobellstraße 19-21. Sofort wird von der Firma Wittemaier Bau GmbH, deren alleinige Gesellschafter auch die neuen Hauseigentümer sind, ein Gerüst aufgestellt, das ganze Haus in undurchsichtige Bauplane eingehüllt. Seit Juli 2013 sitzen die Bewohner im Dunkeln. Die baufälligen Balkone sind gesperrt, werden saniert. Die Arbeiten an der Fassade gehen nur schleppend voran. Zwei bis drei Arbeiter tauchen laut Aussagen von Nachbarn von Zeit zu Zeit auf und verschwinden bald wieder. Es scheint, als habe das Haus und die Lebensqualität seiner Bewohner keine hohe Priorität. Innerhalb des Hauses wird dafür um so mehr Schmutz und Krach gemacht. Sanierungsarbeiten im Haus werden knapp angekündigt: Der Keller muss geräumt werden, zwei Wochen Frist, um einen gesamten Kellerinhalt in die eigenen vier Wände zu schaffen. Dann wird der komplette Keller eingerissen. Es sieht aus, als habe eine Bombe eingeschlagen.

Die neuen Eigentümer geben sich nicht besonders auskunftsfreudig ihren Mietern gegenüber. Fast ein ganzes Jahr lassen sie sie im Dunkeln tappen. Viele haben das nicht mehr ausgehalten und haben kapituliert vor dem Terror. Das halbe Haus steht inzwischen leer, ohne dass der neue Eigentümer überhaupt seine Vorstellungen über die Zukunft nach der Sanierung geäußert oder konkrete Pläne vorgelegt hätte.

Das verhüllte Gebäude bestimmt das Straßenbild | Foto: M. Schülke
Das verhüllte Gebäude bestimmt das Straßenbild | Foto: M. Schülke

In der Nachbarschaft, genau gesagt direkt gegenüber, hatte sich bereits November letzen Jahres eine Bürgerinitiative namens „FairMieten – Gegen Mietwucher in Neckarstadt-Ost“ gebildet. Durch ihre Hilfe konnte der Grünen-Stadtrat Gerhard Fontagnier auf die Situation aufmerksam gemacht werden. Erst auf seine persönliche Anfrage hat sich das Bauamt die Baustelle angesehen und eine Entfernung der Bauplane in Aussicht gestellt. Vereinbart ist wohl eine Frist innerhalb diesen Monats. Am 19. Mai hatte die Firma Wittemaier Bau GmbH in einem Brief an die Mieter weitere Arbeiten an der Fassade angekündigt, die sie inzwischen ohne Ersatztermin verschoben haben.

Stadtrat Fontagnier bei einer Begehung | Foto: M. Schülke
Stadtrat Fontagnier bei einer Begehung | Foto: M. Schülke

Stattdessen flatterte den Mietern nun nach fast einem Jahr eine Ankündigung der Sanierungsarbeiten in die Briefkästen. Aufgeführt werden dort Erhaltungsmaßnahmen, „die teilweise schon begonnen wurden, wegen Gefahr in Verzug“. Gemeint sind die seit Monaten gesperrten Balkone und die Fassade. Darüber hinaus zählen noch die Instandsetzung des Dachs, des Dachgeschosses, des Treppenhauses und des Kellers dazu. Fertig sind aus Beobachtersicht die Fassade sowie die Balkone. Wenn die Arbeiten am Dach noch ausstehen, wie wahrscheinlich ist, dass die Plane, die aus Sicherheitsgründen das Haus verhüllt, noch im Mai entfernt wird?

Der Blick nach "draußen" | Foto: M. Schülke
Der Blick nach „draußen“ | Foto: M. Schülke

Weiterhin werden Modernisierungsarbeiten angekündigt. Ab hier wird es spannend. „Ein Beginn der Arbeiten ist für den 01.09.2014 vorgesehen“. Und: „Mit einer Bauzeit von 18 Monaten muss gerechnet werden.“ Nach fast einem Jahr in der Sanierungshölle, sollen die verbliebenen Mieter also noch einmal anderthalb Jahre in weit schlimmeren Verhältnissen leben. Geplant sind eine Erneuerung der Warmwasserversorgung, inklusive aller Leitungen, Erneuerung der Bäder und Küchen, moderne Isolierglasfenster und Rollläden, Wärmedämmung an Dach, Kellerdecke und Fassade, Modernisierung der elektrischen Installation, inklusive neuer Leitungen, sowie Schall-und Brandschutz im Bereich der Wohnungsdecken.

Der nächtliche Anblick | Foto: M. Schülke
Der nächtliche Anblick | Foto: M. Schülke

Wer während und nach der Kernsanierung noch immer dort wohnen bleiben möchte, für den hat das Ankündigungsschreiben allerdings noch einen letzten Schockmoment parat: Die Mieterhöhung!

Die Brüder Höring rechnen mit einem Kostenaufwand von 500.000,- Euro, den sie gemäß geltenden Rechts durch eine Mieterhöhung um 11% der anteiligen Kosten jährlich auf die Mieter umlegen können. Dies rechnen sie ihren verbliebenen Mieter haarklein vor. Bei einer Wohnung mit beispielsweise 100 m² ergibt das eine Erhöhung um über 600 Euro. Eine Mietsteigerung auf annähernd das Doppelte der bisherigen Miete. Und als wäre dies nicht genug, sollen auch die Betriebskosten steigen.

Bislang hatten sich die Initiative FairMieten und Politiker zurückgehalten, den besonderen Fall dieser Immobilie als Gentrifizierung zu bezeichnen. Nachdem die Höring-Brüder nun allerdings ihre wahren Pläne offenbart haben, wird sich das ändern. War den neuen Eigentümern nicht von Anfang an klar, was sie mit ihrer Neuerwerbung vorhaben und was dazu nötig sein wird? Die alten Mieter müssen raus, denn sie können niemals die hohen Mieten bezahlen, die nötig sind, um mit diesem Haus die Rendite zu erwirtschaften, die diese Investition rechtfertigen würde.

Entschieden sich Hörings, obwohl sie das alles wissen mussten, ihre Mieter im Ungewissen zu lassen, damit die Miete der verzweifelten Menschen während des Sanierungsterrors noch möglichst lange auf ihr dickes Bankkonto fließt?

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2 Kommentare zu “Der Hai zeigt seine Zähne

  1. Schuett

    Themenvorschläge :
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    Saubere Stadt

  2. Danke. Ich werde schauen, ob sich daraus etwas machen lässt. Das Thema Sauberkeit steht bereits auf dem Plan.

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