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100 Jahre GBG: Ein Erfolgsweg mit fiesen Schlaglöchern

Eine erstaunliche Überschrift

Das Kapitel zum Jahr 2019 trägt den Titel „Stoppt Gentrifizierung!“. Der Ausruf steht in Anführungszeichen. Geschenkt. Erstaunlich ist schon, dass die GBG den Begriff heute so prominent verwendet. Als der Konflikt lief, reagierte das Unternehmen überaus gereizt auf jede Verbindung zur Gentrifizierung.

Anfang 2015 berichtete das Neckarstadtblog über die geplanten Abrisse. Der Artikel trug die Überschrift „Warum will die GBG 129 günstige Wohnungen abreißen?“. Das Buch erkennt die Wirkung dieses Beitrags ausdrücklich an. Dort heißt es: „Ausgelöst durch den Beitrag kocht die Debatte in den folgenden Monaten zumindest innerhalb des Stadtteils hoch.“ Das ist bemerkenswert. Das Jubiläumsbuch räumt damit ein, dass unsere Berichterstattung einen zuvor kaum beachteten Konflikt öffentlich machte.

Die Formulierung „zumindest innerhalb des Stadtteils“ kann man als kleine Spitze lesen. Man kann sie auch für eine nüchterne Einschränkung halten. In jedem Fall war die Debatte groß genug, um Jahre später ein eigenes Kapitel zu bekommen.

Damals sah die GBG unsere Rolle weniger gelassen.

Der damalige Unternehmenssprecher Christian Franke unterstellte dem Neckarstadtblog, hinter einem Flugblatt zu stehen, das den Titel „GBGentrifizierung“ trug. Als Beleg reichte offenbar, dass das Flugblatt auf unseren Artikel verwies. Unabhängiger Journalismus und politischer Aktivismus verschwammen damit in der Wahrnehmung des Unternehmens. Zeitweise schien die GBG Berichterstattung sogar in die Nähe einer Straftat zu rücken.

Nach einer Protestaktion in der damaligen Unternehmenszentrale stellte die GBG einen Strafantrag wegen Hausfriedensbruchs. Der Redaktionsleiter des Neckarstadtblogs hatte die Aktion journalistisch begleitet und führte anschließend noch ein Hintergrundgespräch mit dem Pressesprecher. Trotzdem bezog die GBG ihn bewusst in den Strafantrag ein. Geschäftsführer Karl-Heinz Frings erklärte später in einem klärenden Gespräch, an dem auch ein Mitglied des Aufsichtsrats teilnahm, dies sei bewusst geschehen. Im Strafantrag benannte die GBG den Betroffenen selbst als Journalisten und verwies zum Beleg des geschilderten Sachverhalts auf dessen Berichterstattung im Neckarstadtblog. Das Ermittlungsverfahren wurde eingestellt. Das gesetzte Zeichen blieb trotzdem bestehen. Es zeigte, wie die GBG damals mit einer Berichterstattung umging, die ihr nicht gefiel.

Im Jubiläumsbuch wurde außerdem ein zehn Jahre altes Bild des Neckarstadtblogs mit der Quellenangabe „GBG“ veröffentlicht. Die GBG entschuldigte sich nach unserem Hinweis und erwarb nachträglich die erforderlichen Nutzungsrechte. Die falsche Quellenangabe in der bereits gedruckten Auflage des Buchs ließ sich allerdings nicht mehr ändern.

Gentrifizierung nach Maßstab der GBG

Das Kapitel beschreibt die Auseinandersetzung überraschend ausführlich. Es nennt die Proteste, die Transparente und die Hausbesetzung. Es nennt auch die damaligen Mietpreise. Die 128 Wohnungen waren einfach ausgestattet. Es gab keine Wärmedämmung und keine barrierefreien Zugänge, geheizt wurde mit Einzelöfen. Die Mieten lagen laut Buch bei rund fünf Euro pro Quadratmeter.

Dieser letzte Satz ist entscheidend.

Die Wohnungen waren klein, schlecht ausgestattet und viele Bauteile alt. Doch sie waren günstig. Die Protestierenden forderten deshalb „Sanierung statt Abriss“. Sie bestritten nicht, dass die Häuser Arbeiten benötigten, sondern die behauptete Alternativlosigkeit des Abrisses.

Wo Menschen mit niedrigem Einkommen jetzt nicht mehr wohnen

Die GBG entschied sich trotzdem für die vollständige Beseitigung der vier Wohnblocks. Alle dort lebenden Menschen mussten gehen. Das neue Main-Kinzig-Quartier umfasst nur noch 92 Wohnungen, zuvor waren es 128. Die Wohnungen wurden größer und moderner, zugleich aber erheblich teurer. Die GBG plante damals mit Mieten zwischen 10,50 und 13,50 Euro pro Quadratmeter, wobei zehn Euro in der Neckarstadt-Ost bereits als ausgesprochen teuer galten. An die Stelle von Wohnungen für rund fünf Euro traten also Wohnungen mit mehr als doppelt so hohen Mieten.

Hinzu kommt eine Entwicklung, die sich schon damals abzeichnete. Die Zahl der Einpersonenhaushalte nimmt zu, zugleich wächst der Bedarf an kleinen Wohnungen. Große Familienwohnungen bleiben zwar weiterhin gefragt. Gleichzeitig zeigt sich, dass auch kleine Wohnungen heute stärker gebraucht werden als damals angenommen.

Trotzdem erklärt das Buch am Ende, die Befürchtungen der Abrissgegner*innen hätten sich nicht bestätigt. Der Mietspiegel zeige keine überdurchschnittliche Steigerung in der Neckarstadt-Ost.

Da wurde die GBG von der allgemeinen Mietsteigerung gerettet.

Die Mieten stiegen in ganz Mannheim stark. In der Neckarstadt-Ost stiegen sie laut Buch nicht stärker als im städtischen Durchschnitt. Daraus folgt für die GBG, dass keine fortschreitende Gentrifizierung erkennbar sei. Dieser Vergleich beantwortet jedoch nicht die damalige Kritik. Den Aktivist*innen ging es vor allem um das konkrete Main-Kinzig-Quartier. Dort verschwanden sämtliche Wohnungen für rund fünf Euro. Dort mussten sämtliche Mietparteien gehen. Dort entstand weniger Wohnraum zu deutlich höheren Preisen.

Man kann darüber streiten, ob dieser Vorgang allein die Gentrifizierung eines ganzen Stadtteils beweist. Man kann aber schwer bestreiten, dass hier sehr günstiger Wohnraum verschwand. Das Buch wechselt einfach den Maßstab. Es blickt auf die durchschnittliche Entwicklung in der gesamten Neckarstadt-Ost, während das konkrete Areal in dieser Statistik verschwindet. Die Geschichte gibt der GBG damit nicht automatisch recht. Die GBG hat die betrachtete Geschichte maßgeblich selbst geschrieben und wählt außerdem die Fakten und den Ausschnitt.

Ein erstaunlich beweglicher Blickwinkel

Besonders deutlich wird das bei der sozialen Durchmischung. Beim Vorwurf steigender Mieten betrachtet das Buch die gesamte Neckarstadt-Ost, während die GBG beim Thema Durchmischung nur auf ihre eigenen Häuser schaut.

Dort lebten tatsächlich vor allem Menschen mit kleinen Einkommen. In den GBG-Wohnungen an Main-, Kinzig- und Carl-Benz-Straße gab es kaum wirtschaftliche Durchmischung. Die Wohnblocks standen allerdings nicht isoliert am Stadtrand, sondern mitten im sogenannten Musebrotviertel (). Rundherum gibt es sanierte Altbauwohnungen, Einfamilienhäuser, Reihenhäuser mit Gärten und private Garagen. Schon damals lebten dort Menschen mit sehr unterschiedlichen Einkommen.

Das Gebiet war also sozial gemischt. Nur der GBG-Bestand war es deutlich weniger.

Für die Rechtfertigung des Neubaus wurde dieser kleine Bestand zum eigenen Quartier erklärt. Bei der Bewertung der Mietentwicklung zählt dagegen der ganze Stadtteil. So kann man sich die passende soziale Durchmischung auch zurechtschneiden.

Damals hieß es, im Main-Kinzig-Quartier lebten nicht genug Menschen mit mittleren oder höheren Einkommen. Heute leben dort kaum noch andere. Das Buch formuliert das freundlicher und nennt ältere Menschen, Familien, junge Leute sowie Beschäftigte des Universitätsklinikums. Das ist eine Mischung nach Lebensalter und Haushaltsform.

Über die Einkommen sagt diese Beschreibung wenig.