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100 Jahre GBG: Ein Erfolgsweg mit fiesen Schlaglöchern

Erfolge außerhalb des Wohnzimmers

In der neueren Geschichte fällt noch etwas auf. Die besonders glatten Erfolgsgeschichten spielen häufig nicht im klassischen Mietsektor. Die GBG baute das Technische Rathaus, entwickelte das MARCHIVUM mit und förderte Sport sowie Street-Art. Ihre Tochtergesellschaften prägten außerdem Schulen, Konversionsflächen und die Bundesgartenschau.

Viele dieser Projekte sind sichtbar und eignen sich für Eröffnungen, Architekturfotos oder Preisverleihungen. Sie stärken das Bild einer modernen Unternehmensgruppe. Daran ist nichts verwerflich. Mannheim braucht öffentliche Gebäude. Das MARCHIVUM ist ein wichtiger Ort für Stadtgeschichte und ein „Leuchtturm“ für die Neckarstadt. Auch Kunst, Sport und Quartiersentwicklung gehören zu einer lebenswerten Stadt.

Der Kernauftrag der GBG bleibt dennoch das Wohnen. Dort fällt die Bilanz komplizierter aus, weil es um Mieten, Nebenkosten und die Folgen von Sanierungen geht. Schon wenige Euro können darüber entscheiden, ob Menschen in ihrem Viertel bleiben können.

Ein Technisches Rathaus lässt sich als abgeschlossenes Projekt feiern. Eine Vermieterin wird dagegen jeden Monat neu bewertet: beim nächsten Mieterhöhungsschreiben, bei einer schlecht beantworteten Beschwerde, bei Schimmel, Baulärm oder einer stockenden Reparatur. Entscheidend ist auch, wer nach einer Modernisierung noch bleiben kann.

Diese Geschichten sind weniger öffentlichkeitswirksam. Im Alltag der Mietenden wiegen sie jedoch schwerer.

Keine gewöhnliche Immobiliengesellschaft

Die harte Kritik an der GBG folgt aus ihrem besonderen Anspruch. Von einem privaten Immobilienunternehmen erwartet kaum jemand soziale Zurückhaltung. Es soll Gewinne erzielen und dabei die gesetzlichen Grenzen einhalten. Die GBG gehört dagegen der Stadt. Sie soll wirtschaftlich arbeiten, zugleich aber soziale Verantwortung tragen. Mit ihrem großen Bestand beeinflusst sie den Mannheimer Wohnungsmarkt und damit auch die Entwicklung der Mieten.

Gerade deshalb ist dieser Bestand so wichtig. Die GBG verhindert keine Mietsteigerungen. Sie erhöht selbst Mieten und orientiert sich am Mietspiegel. Trotzdem sind ihre Wohnungen häufig noch günstiger als vergleichbare Angebote privater Unternehmen. Ohne diesen öffentlichen Bestand wäre der Druck auf Menschen mit kleinen und mittleren Einkommen erheblich größer.

Die Gesellschaft saniert Häuser, schafft neue Wohnungen und übernimmt schwierige Bestände. Sie unterhält Mietertreffs, finanziert soziale Arbeit und vermittelte Wohnraum für Geflüchtete, die sie auch beim Ankommen unterstützte. All das gehört zur Wahrheit.

Es macht die Abrisse in der Carl-Benz-Straße nicht ungeschehen, rechtfertigt keinen Strafantrag gegen einen berichtenden Journalisten und macht schlechte Bürgerbeteiligung nicht gut. Umgekehrt machen diese Konflikte nicht die gesamte Arbeit der GBG schlecht.

Das Unternehmen ist weder ein eindeutiger Held noch ein eindeutiger Bösewicht. Dafür ist seine Rolle zu groß und seine Geschichte zu widersprüchlich. Das Jubiläumsbuch liefert dafür unfreiwillig den besten Beleg.

Selbstkritik mit sicherem Abstand

Die GBG zeigt in ihrer Festschrift erstaunlich viel Schatten. Sie schreibt über ihre Gleichschaltung während des Nationalsozialismus und die Verdrängung jüdischer Mieter*innen. Sie behandelt Mietproteste, Abrisspläne und das beschädigte Verhältnis zur Presse. Auch neuere Konflikte fehlen nicht vollständig. Das Buch nennt Baumängel im Centro Verde, den Streit um Kleingärten und den Widerstand gegen Neubaupläne am Aubuckel.

Das verdient Anerkennung. Andere Festschriften würden solche Themen wahrscheinlich möglichst klein halten. Doch das Buch besitzt einen eingebauten Schutzmechanismus, denn die GBG erzählt ihre Geschichte fast immer vom Ende her.

Sie weiß bereits, welche Gebäude heute stehen und welche Quartiere inzwischen bewohnt sind. Dadurch kann aus jedem damaligen Risiko die Vorgeschichte eines heutigen Erfolgs werden. Die Menschen in den Konflikten hatten diesen Abstand nicht.

Die Bewohner*innen der Carl-Benz-Straße wussten nicht, wohin sie ziehen würden. Die Mietenden im Ludwig-Frank-Block mussten erst eine Genossenschaft gründen, während die letzte Familie an der Waldhofstraße eine Kündigung erhielt. Aktivist*innen wussten nicht, ob ihr Protest etwas bewirken würde. Journalist*innen konnten nicht wissen, welche Folgen ein Strafantrag haben könnte.

Aus dieser Perspektive sah die Geschichte deutlich weniger glatt aus.

Im Rückblick kann die GBG anerkennen, dass das Neckarstadtblog die Debatte ausgelöst hat. Während des Konflikts unterstellte ihr Sprecher uns dagegen Aktivismus und behandelte journalistische Arbeit wie einen Teil des Protests. Auch den Ausschluss von Medien im Jahr 1985 kann das Buch heute erwähnen. Jahrzehnte später entfernte die GBG erneut ein kritisches Medium aus ihrem Presseverteiler. Auch das Scheitern der Tom Bock Group darf in der Festschrift vorkommen. Bereits im nächsten Satz bleibt der „Mannheimer Weg“ trotzdem eine Erfolgsgeschichte.

Das Buch ist deshalb nicht wertlos. Im Gegenteil. Es ist ein eindrucksvolles Zeugnis des Selbstverständnisses der GBG. Es zeigt, wie das Unternehmen gesehen werden möchte und welche Widersprüche es inzwischen aushalten kann.

Die GBG kann sehr selbstkritisch sein, solange die Kritik historisch geworden ist. Sie kann Fehler benennen, wenn das Ergebnis bereits feststeht. Sie kann Protest in ihre eigene Erzählung aufnehmen, sobald er nichts mehr verhindert.

Vielleicht liegt genau darin die größte Stärke dieser Festschrift. Sie dokumentiert nicht nur hundert Jahre Unternehmensgeschichte, sondern auch, wie aus fiesen Schlaglöchern im Rückspiegel ein Erfolgsweg wird.

Die GBG in Mannheim – 100 Jahre in 100 Geschichten

448 Seiten mit 390 Farb- und Schwarz-Weiß-Abbildungen, fester Einband.

Herausgeber: Heiko Brohm, Harald Stockert
Erscheinungsjahr: 2026
ISBN: 978-3-95505-607-0

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